Montag, 13. Februar 2023

Electric Six - Fire

 

Electric Six – Fire

XL Recordings 2003

Die Zeiten sind ja zuletzt oft trist genug. Umso mehr besteht ein Bedarf nach Rockmusik, die verlässlich gute Laune machen kann und sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Ein einziger Bono ist mehr als genug für die Welt.

In der Abteilung „Gute Laune“ spielen Electric Six ganz oben mit und in ihrem Oeuvre ist es vor allem ihr Debut „Fire“, das heraussticht. 1996 in Detroit gegründet, brauchte die Band sieben Jahre, bis sie zu einem ersten Album kam. Zeit genug, um jede Menge tolle Songs anzusammeln.

Vermutlich gibt es so etwas wie Comedy-Metal-Disco-Rock nicht, aber Electric Six legen Heavy-Metal-Gitarren über Disco-Beats, wechseln zwischen Stadionrock und funkigen Basslines im 15-Sekunden-Takt oder mischen sie einfach. Jede einzelne Zutat ist bekannt und doch hat man so etwas noch nie gehört. Sie bewegen sich im Viereck zwischen Kiss, !!!, Tenacious D und Village People – und das in ziemlichem Tempo. Sie spielen mit Rock- und Disco-Klischees, fügen sie in neuem Kontext zusammen. Die Schrauben, die es bei ihnen zusammenhalten sollen, sind locker, im Gesicht dominiert das ironische Grinsen und Zurückhaltung gibt es keine. Schon gar keine vor schlechtem Geschmack.  “I wanna take you to a gay bar. Let´s start a war, start a nuclear war, at the gay bar. I´ve got something to put in you, at the gay bar.”

Und plötzlich können sie auch ziemlich zynisch werden: „I dropped the bomb on Japan, I was a hostage in Iran, I´m an ugly American.“ Vier Zeilen später stoßen sie schon wieder die Grenzen des guten Geschmacks nieder: „I´ve got something better for ya – naked pictures of your mother.“

Obwohl Dick Valentine nicht wirklich singen kann, sondern mehr wie Till Lindemann bei Rammstein Parolen skandiert, sind die Melodien catchy und Songs wie „Danger! High Voltage“ oder „Gay Bar“ brennen sich für immer in die Neuronen und Synapsen. Dazu bratzen die Gitarren, macht der Bass einen auf Bernard Edwards meets Gene Simmons und die Synthies blubbern wie im Studio 54.

Im letzten, auch musikalisch etwas getrageneren Song liefern sie noch eine Maxime nach: „Be all that you can be, just as long as you are free, you were blind and now you see, that just is my techno.” Und falls es in dieser neutestamentarischen Techno-Heilung nicht ganz so weit gereicht haben sollte, haben diese 38 Minuten zumindest jede Menge Spaß gemacht.

Donnerstag, 9. Februar 2023

A Factory Sample

 

A Factory Sample (Diverse)

Factory 1979

Die Do-it-Yourself-Haltung des Punks begrenzte sich nicht auf den Umgang mit Instrumenten, sondern erfasste bald auch das Business. Major-Labels wurden eher als Feinde verstanden. Auch die Sex Pistols waren mit EMI nicht gerade zufrieden, wie sie im gleichnamigen Song deutlich kundtaten und landeten letztlich bei Virgin. Also ging man bald dazu über, selbst Labels zu gründen. Rough Trade war wohl das wichtigste, aber auch Mute Records hält sich seit den Punk-Tagen gut im Business. Man nannte sie Independents und der Name wurde mit der Zeit sogar zu einer eigenen Musikrichtung.

In Manchester entstand 1978 Factory Records, in einem Auftrittslokal gleichen Namens. Die erste Veröffentlichung war eine „A Factory Sample“ benannte Doppel-EP im 7-inch-Format mit vier lokalen Acts. Das Cover ein zusammengefaltetes Blatt aus Reispapier, mit Silber bedruckt und mit vier seltsamen Fotos und Grafiken als Beilage. Zusammen enthielt dieser Sampler im Singles-Format neun Tracks, die zum Teil die weitere Musikgeschichte maßgeblich beeinflussen sollten.

Die ersten beiden Tracks gehörten einer Band, die gerade den Namen Warsaw abgelegt und bereits als Vorgruppe zu Acts wie Suicide oder A Certain Ratio erste Live-Praxis gesammelt hatte. Die Studioaufnahmen spielte sie bereits unter dem neuen Namen Joy Division ein. Zwei Jahre später sollte sie zur wichtigsten und einflussreichsten Band der späten 70er-Jahre geworden sein. Beide Songs, „Glass“ und „Digital“, wurden nicht in die beiden regulären Alben der Band übernommen, sondern erst auf dem nach Auflösung der Band erschienenen Sampler „Still“ wiederveröffentlicht. „Digital“, der erste von ihnen erschienene Track, wurde tragischerweise auch zum letzten Song, den Joy Division jemals spielte. Am 2. Mai 1980 schlossen sie damit ihr Konzert in Birmingham; 16 Tage später erhängte sich Sänger Ian Curtis und der Rest der Gruppe wurde zu New Order.

Doch weg von der Historie und hin zur Musik. Mit den ersten kalten Gitarrentönen von „Digital“ wurde zwei Monate nach Siouxsie + The Banshees Album „The Scream“ endgültig der Post-Punk, die New Wave, etabliert. „Feel it closing in, the fear of whom I call, everytime I call, I feel it closing in.” Johnny Rotten oder Joe Strummer hätten solche Zeilen nicht gesungen, aber Ian Curtis fühlte sie, riss sie aus seinem geschundenen Geist. Und das hörte man in jeder Sekunde. Ebenso hätten Steve Jones von den Sex Pistols oder Mick Jones von The Clash niemals solch eine klaustrophobische Gitarre dazu gespielt wie Bernard Sumner. Statt Wut und Zorn hörte man pure Verzweiflung. Nicht einmal Scott Walker rührte einen jemals so wie der Schmerz in Curtis´ Gesang. Zwei Jahre später wusste man, warum: Es war alles zu 100 Prozent authentisch, jeder Ton, jede Zeile.

Auf der zweiten Seite beginnt die Durutti Column – oder auch Gitarrist Vini Reilly mit sechs wechselnden Musikern – die deutlich bescheidenere Karriere. Dafür hielt sie etwa 20 Jahre lang. Sie benannten sich nach einer spanischen Anarchisten-Einheit, klangen aber auf dem ersten Song „No Communication“ ähnlich kalt wie Joy Division. Erst auf dem zweiten Track „Thin Ice“ offenbarte sich Reillys Vorliebe für verspielten, atmosphärischen Gitarrensound.

Die zweite EP bietet einen völligen Stilbruch. John Dowie, ein englischer Stand-Up-Comedian, performt drei kurze, skurrile Songs über „Acne“, „Idiot“ und „Hitler´s liver“ Zu eingängiger, aber nicht dem Zeitgeist verpflichteter Rockmusik singt Dowie Verse wie: „Hitler’s liver is a liver liverestly weird, When you wear it as wig or rub it in your beard, Nail it to a passerby or force it down his throat, Cover it in furry stuff and kick it like goat. Hitler’s liver – yum yum yum.“

Jedenfalls macht Dowie deutlich mehr Spaß als die letzte Band – Cabaret Voltaire. Der erste Track beginnt mit einem Original-Soundclip aus einer deutschen Nachrichtensendung über die Selbstmorde der RAF-Terroristen Baader, Meinhof, Ensslin und Raspe. Über die gesprochenen Texte mit Fragen wie „Are they the heroes?“ legen sich Soundcollagen – hauptsächlich mit dem Synthesizer eingespielt. Auf dem zweiten Track „Sex in secret“ dominieren Rhythmus-Box und verzerrte Stimmen – kombiniert mit diversen Geräuschen und einer Gitarre, die wie ein Synthie klingt. Die erste britische Wurzel des Industrial-Sounds hat sich in die nordenglische Erde gebohrt.

Nur 5000 Stück dieser Compilation wurden gepresst, aber Bands von The Cure, U2, Bloc Party, Editors, Interpol bis zu Nine Inch Nails und Ministry beriefen sich später auf diese hier entstandene Musik.

Fad Gadget - Fireside Favourites

 

Fad Gadget – Fireside Favourites

Mute Records 1980

Kurz nachdem Punk gegen den pompösen Prog-Rock angekämpft hatte, wurden die Synthesizer kleiner und bedeutend billiger. Man musste nicht mehr Keith Emerson, Rick Wakeman oder Vangelis heißen, um sich einen leisten zu können, sondern ein Wochenlohn reichte für einen kompakten Synthie samt Rhythmus-Box. Kraftwerk und später die US-Pioniere Suicide hatten zudem gezeigt, dass man mit reiner Elektronik nicht nur schwülstige Sound-Gebilde, sondern auch chartstauglichen Avantgarde-Pop beziehungsweise spannenden Rock fabrizieren konnte. Man brauchte nicht einmal vier Jahre Klavierunterricht, sondern lediglich Ideen und ein wenig Durchhaltevermögen. Das passte wieder in den Do-it-yourself-Zeitgeist des Punks und so hielt der Synthie Einzug in die New Wave.

Cabaret Voltaire waren die ersten, die ihren Sound vor allem auf Elektronik aufbauten, Human League mit ihrer ersten stilbildenden Single „Being boiled“ folgten. Als Gary Numan in seiner Tubeway Army die Gitarre gegen einen Mini-Moog tauschte und 1979 mit „Are Friends Electric“ die UK-Charts toppte, war der Durchbruch geschafft.

Zu dieser Zeit experimentierte Frank Tovey alias Fad Gadget in seinem Zimmer bereits mit einem kleinen Korg Synthie und einer Korg Minipops Drum Machine. Er sandte ein Tape an Daniel Miller, der mit The Normal vergleichbare Musik machte. Wie der Zufall so wollte, gründete Miller kurz darauf sein eigenes Label Mute Records und Fad Gadget war der erste, der unter Vertrag kam. Später sollten Bands wie Depeche Mode, Nick Cave and the Bad Seeds oder New Order dazu kommen.

Die erste Single „Back to Nature“ im Oktober 1979 war erfolgreich genug, damit Tovey den Deal für ein ganzes Album bekam – „Fireside Favourites“. Fad Gadget produzierte jedoch nicht bequeme Pop-Songs, sondern experimentierte weiter mit seinen Sounds. Nicht zufällig wird am Back-Cover Produzent John Fryer auch mit „Ashtray, Metal Chair, Extra Fingers“ angeführt. Später sollte Fad Gadget von vielen als wichtiger Einfluss auf die Entwicklung des Industrial genannt werden.

Auch textlich war Tovey ein satirischer und kritischer Chronist, aber kein Liebeslied-Verfasser. Die ersten Textzeilen auf diesem Album könnten fast von der Letzten Generation stammen:

Locomotion took us there and back
We kept our heads, we laid our track
Pedestrian wait!

The power of steel automation
Turn the key for mass ignition
Pedestrian wait!

Airplanes buzz like Asian flu
Jumbo junks on Air fix glue
Spaceships built for leisure cruise
Baby′s feet in brand new shoes

Und auf dem Titel-Track beginnt er romantisch mit:

Come here, baby, in front of the fire
I′d like to look into your eyes
Loosen your clothes, get out of that seat
Come and feel my body heat,

um dann vier Strophen weiter in der Katastrophe zu enden:

Hey now, honey, open your eyes
There′s a mushroom cloud up in the sky
Your hair is falling out and your teeth have gone
Your legs are still together but it won′t be long

Trotz aller Verstörung in den Texten schaffte er es, ein Debutalbum mit einigen herausragenden Songs zu veröffentlichen. Musikalisch hatte er ein Händchen für zündende Melodien – vor allem in den Synthie-Riffs. Man höre nur den Titelsong.

Obwohl er kommerziell nie erfolgreich war, nannten ihn doch viele Künstler und Bands als maßgeblichen Einfluss – darunter Depeche Mode, The Liars, The Twilight Sad und sogar Boy George von Culture Club. Mit 45 Jahren starb Frank Tovey allerdings an einem angeborenen Herzfehler.

Donnerstag, 26. Januar 2023

Fashion - Fabrique

 

Fashion – Fabrique

Arista 1982

In der Zeit von Punk und Post-Punk – also von 1976 bis tief hinein in die 1980er – war immer eine Brücke zur schwarzen Musik offen. Zuerst näherten sich britische Bands wie The Clash oder The Ruts und in New York Patti Smith auf ihrem Debut-Album „Horses“ mit dem Song „Redondo Beach“ dem Reggae. Zwei, drei Jahre später entdeckten Madness, The Specials oder The Selecter den ebenfalls aus Jamaica stammenden Ska. Parallel dazu gab es auch erste Annäherungen an den Funk. In New York waren es Bands wie James White and the Blacks, die James Brown, den “Godfather of Funk,” verehrten.

In Großbritannien näherte man sich weniger offen verehrend: Auf der einen Seite über die ganze Rhythmus-Sektion wie bei der Pop Group und ihrem Anarcho-Punk-Funk oder ganz subtil über den Bass wie bei Gang of Four oder A Certain Ratio. Ein wenig später griffen auch die von der New Wave-Seite zum Pop drängenden Bands diesen Einfluss auf: ABC, die frühen Spandau Ballet oder eben auch Fashion.

1978 in Birmingham als Post-Punk-Band gegründet, brachten sie ein Jahr später ein völlig unbeachtetes Debut heraus. Sie brauchten drei weitere Jahre und einige Umbesetzungen, bis es zu einem Nachfolger reichte. Die gerade aufgekommene New-Romantics-Bewegung verschaffte ihnen noch einmal das Trittbrett für einen Plattenvertrag – und das gleich beim US-Label Arista.  

Für „Fabrique“ wurde ihnen der Deutsche Zeus B. Held als Producer zur Seite gestellt. Bernd Held fing als Band-Mitglied der Kraut-Rocker Birth Control an und schuf dann mit Gina X Performance ein eigenes Elektropop-Dance-Projekt. Seine Erfahrungen und seine Synthies nahm er mit zur Arbeit mit Fashion und legte den von ihm produzierten Sound irgendwo zwischen Trevor Horn und Giorgio Moroder an. Breitwand-Elektro-Pop mit Blick auf die Tanzfläche.

Die Band lieferte dazu die besten Kompositionen ihrer Karriere, die Held irgendwo zwischen Disco-Pop, Electro-Funk und New Romantics pendeln ließ. Auch David Bowie aus den frühen 80ern schaut manchmal um die Ecke. Man sieht, sie schafften es leicht, zwischen allen Stühlen Platz zu nehmen. Für die 13 noch verbliebenen Fans aus Post-Punk-Tagen war Zeus B. Held undenkbar. Für die Disco waren sie doch ein wenig schräg, für die New Romantics ihr Look wohl zu bieder. Es reichte für zwei UK-Charts-Platzierungen rund um Platz 50 und einer späten Aufnahme eines Tracks in den Soundtrack der US-Serie „Miami Vice“.

Was bleibt, ist ein Album mit einigen hervorragenden Songs und einem Sound, in dem die Synthesizer grooven und Martin Recchi an der Bassgitarre die Slap-Technik ausreizt. In den besten Momenten wirklich großes Kino irgendwo zwischen Duran Duran, Heaven 17 und Level 42.

Freitag, 20. Januar 2023

Fish Turned Human - Turkeys in China

 

Fish Turned Human – Turkeys in China

Sequel Records 1979

Vereinigtes Königreich, wir schreiben das Jahr 1978. Der wirtschaftliche Niedergang des Landes setzt sich fort, Streiks und Rassismus greifen immer stärker um sich. Schon ein Jahr zuvor befanden Jugendliche, dass Musik, in der Keith Emerson ein weiteres klassisches Stück durch seine Synthesizer jagt, oder Konzeptalben mit der Vertonung von Edgar Allen Poe-Stories nicht ganz ihre Lebensrealität widerspiegelten.

Punk entstand und ein Jahr später entdeckten viele Bands, dass die Punk-Attitüde „Jeder kann ein Musiker sein“ nicht zwangsläufig nur zu Musik mit drei heruntergedroschenen Gitarrenakkorden führen muss. Aus Punk wurde die New Wave und die Blüten wucherten in alle möglichen Richtungen. Die Basis für Synth-Pop wurde ebenso gelegt wie für Independent, Techno oder Industrial. Es war musikalisch eine ungeheuer spannende Zeit und es wurden nicht nur stündlich neue Bands gegründet, sondern auch jede Menge neue Labels versuchten sich am Markt.

Sequel Records, das Label von Fish Turned Human, veröffentlichte in seiner Geschichte eine LP, eine EP und fünf Singles. Das erste Produkt war auch gleich „Turkeys in China“. Die Band, man kennt die Namen der Mitglieder und dass der Bassist später bei den Soft Boys von Robyn Hitchcock spielte, nahm die vier Songs innerhalb eines Tages in einem Kellerlokal auf. Auch so können Meisterwerke der Rockmusik entstehen.

Die Band spielte ihre vier besten Stücke mit der Frische des Punks runter, aber auch andere Einflüsse sind zu hören: „The International“, ein unheimlicher Ohrwurm, atmet auch den Charme des frühen 60er-Jahre Rock´n´Roll. „Here come the Nuns“ und vor allem „24 Hour Shop“ nehmen Anleihen beim Reggae. Ganz wie es schon Punk-Bands von The Clash bis zu den Ruts gemacht haben. Es entsteht eine EP mit zumindest drei ungeheuer eingängigen und gut gelaunten Songs. Der britische NME empfiehlt das Werk, aber niemand kauft es und nach einer weiteren Single verschwindet die Band wieder. Jene 200 oder 300 Glücklichen, die doch ihre EP erstanden haben, freuen sich aber mehr als 40 Jahre später immer wieder mal an ihrem Schatz.

Flash Fearless versus the Zorg Women (Diverse)

 

Flash Fearless versus the Zorg Women Parts 5&6

Chrysalis 1975

Ein Album, zu einem Sci-Fi-Musical, das niemals aufgeführt wurde. Eine Story aus einem Comic-Book, wonach der Held Flash Fearless auf einem Matriarchat-Planeten strandet, auf dem die herrschenden Zorg-Frauen Männer normalerweise nach Entnahme einer Gen-Probe exekutieren. Klingt völlig obskur? Ja, ist es natürlich.

Aber es ist die Besetzungsliste, die einem die Freudentränen über die Wangen treibt. Die Gesangsparts in alphabetischer Reihenfolge: Die grandiose und stets unterschätzte Elkie Brooks, der dämonische Alice Cooper, der wundervoll knödelnde Jim Dandy (Black Oak Arkansas), der wandlungsfähige James Dewar (Robin Trower Band), der sich im Schatten von Daltrey und Townshend stets wohlfühlende John Entwistle und der große Rock-Shouter Frankie Miller. Die Gitarren bedient von Mick Grabham (Procol Harum) und Justin Hayward (Moody Blues), am Bass John Entwistle (The Who), an den Keyboards Eddie Jobson (Roxy Music, Jethro Tull), Chick Churchill (Ten Years After) und Nicky Hopkins, der von den Beatles über die Stones bis zu Cat Stevens überall mitspielte. Das Schlagzeug teilen sich schließlich Keith Moon, Bill Bruford (Yes, King Crimson), Carmine Appice (Vanilla Fudge, Rod Stewart) und Kenny Jones (The Faces, The Who). Fast die halbe „Rock and Roll Hall of Fame“ spielte auf diesem Album mit.

Klingt nach Namedropping? Ja, ist es natürlich auch, aber diese Leute beherrschten ihre Stimmen und Instrumente so meisterlich, dass damit allein eine hohe Qualität der Musik gesichert ist. Das Songwriting von Steve Hammond (Fat Mattress) und Dave Pierce (Petula Clark, k.d. lang, Bryan Adams) hielt nicht immer stand mit der Liste der Musiker. Aber alleine im Eröffnungssong, wenn sich Elkie Brooks Stimme über den Background-Chor Thunderthighs (die von „Walk on the wild side“) erhebt und John Entwistle seinen melodisch federnden Bass spielt, braucht man nicht viel von einem Song, um staunend zuhören zu können.

In „To the Chop“ gibt John “The Ox” Entwistle den klassischen Rock´n´Roll-Entertainer und Nicky Hopkins tobt sich am Piano aus. Und im letzten Song „Blast off“ setzt Jim Dandy sein mächtiges Organ so meisterlich ein, dass es Entwistle und Kenny Jones in der Rhythmusgruppe braucht, um ihn noch kurz am Boden zu halten. Und ganz am Ende, während Eddie Jobson die Reprise spielt, wundert man sich, wie ein Album mit dieser Liste an Mitwirkenden völlig unbeachtet bleiben konnte.

Ellen Foley - Nightout

 

Ellen Foley – Nightout

Epic 1979

Eine blasse, dürre Blondine blickt mit großen Augen in die Kamera. Am Innencover zieht sie sogar den Reißverschluss ihres Oberteils nach unten. So präsentiert sich Ellen Foley optisch auf ihrem Debutalbum. Man legt die Platte auf – zarte Klavier- und Orgelklänge ertönen und dazu haucht sie: „You and me, baby, we don’t feel nothing at all“. Man sieht das eigene Vorurteil bestätigt: Hübsch anzusehen, aber musikalisch austauschbar.

Mit der zweiten Strophe lassen die Produzenten plötzlich eine Sturzflut an Sounds los. In bester Tradition von Phil Spector und Jim Steinman türmt sich alles vom Chor bis zu den Pauken auf. Jetzt geht sie sowas von unter, denkt man. Und dann passiert das Unfassbare: Ellen Foley füllt den Brustkorb und aktiviert ihre volle Stimme, singt sie noch nicht einmal ganz aus, aber aus dieser zierlichen Blondine entweicht ein Orkan, drückt diese „Wall of Sound“ mühelos nach unten und macht sie zur Hintergrundmusik. Der Referenzwert für „Power-Ballade“ wird innerhalb von 5:24 Minuten neu kalibriert und eine der großen weiblichen Stimmen der Rockmusik wird geboren. Die Kategorie von Pat Benatar, aber stimmlich mindestens zwei Ligen darüber.

Eine kleine Vorgeschichte hatte ihre Karriere allerdings: 1977 sang sie mit Meatloaf „Paradise by the Dashboard Light“ auf dessen Mega-Seller „Bat out of Hell“ und man versteht, warum in diesem wagnerianischen Bombast-Song gerade sie für das Duett ausgewählt werden musste. Damals produzierte Jim Steinman und für „Nightout“ orientierten sich Foleys Produzenten an diesem Sound. Auch wenn es sich um niemand Geringere als Ian Hunter (Mott the Hoople) und Mick Ronson (Bowies Spiders from Mars) handelte.

Am zweiten Track „What´s a matter Baby“ schicken sie Foley zurück in die 60er Jahre, die Girl Groups von den Ronettes bis zu den Shangri-Las lassen grüßen. Doch dann jagt Mick Ronson Keith Richards´ Gitarrenriff von „Stupid Girl“ in der Geschmacksrichtung extra-scharf durch den Raum und Foley gibt dem Song mehr Drive, als es Mick Jagger jemals vermochte. Ronson fräst mit seiner Gitarre durch das Unterholz und Foley drückt mit ihrer Stimme alles darüber nieder. Etwas gnädiger geht sie mit Graham Parker um, dessen eigene Version von „Thunder and Rain“ zumindest nicht für alle Zeiten schwächlich und blutleer klingen muss, wie es den Stones widerfuhr. Dass sie auch zarte Emotionen glaubwürdig rüberbringt, beweist sie mit der abschließenden Ballade „Don´t let go“.

Foley, Hunter und Ronson liefern mit „Nightout“ ein zeitloses, klassisches und perfekt produziertes Rockalbum ab, dessen Songs in der Bandbreite zwischen sehr gut und grandios changieren. Mick Jones von The Clash produzierte mit ihr den Nachfolger, doch weder Songmaterial noch Sound passten so perfekt zusammen wie auf „Nightout“. Auch wenn sie The Clash noch für ihr eigenes Dreifach-Album „Sandinista“ holten. Sie mischten sie allerdings weit nach hinten, sonst wäre Joe Strummer nicht mehr zu hören gewesen.

Ambrosia - s/t

  Ambrosia – s/t 20 th  Century Records 1975 Prog-Rock hatte 1975 für mich – mit 16 Jahren – einen schweren Stand. The Who zeichneten „By Nu...