Sonntag, 17. September 2023

Mel Brooks - To be or not to be

 

Mel Brooks – To be or not to be (The Hitler Rap)

Bee Bee Music / Island Music 1983

Mel Brooks? Ja, genau der. Der Regisseur und Schauspieler baute auch immer wieder Musiknummern in seine Komödien ein. 1983 kam er mit einem Remake von Ernst Lubitschs „To be or not to be“ unter dem gleichen Titel auf den Kinomarkt. Mitproduziert wurde ein Song, der im Film letztlich herausgeschnitten wurde, aber als Maxi-Single veröffentlicht wurde. Praktischerweise war das großartige Video im Stil einer Musik-Revue damit auch gleich verfügbar.

Die knappen 8 Minuten beginnen mit dem Geräusch marschierender Soldaten, über die dann kurz die Deutschland-Hymne gelegt wird. Und dann beginnt Mel Brooks zu rappen. Richtig gelesen. Es gibt derzeit etliche im Hip Hop, die das schlechter machen als der damals bereits 57-jährige Komiker. Und vor allem ist keiner auch nur annähernd so lustig.

Er eröffnet mit: „ Well, hi there people, you know me,

I used to run a little joint called Germany.
I was number one, the people’s choice
And everybody listened to my mighty voice.
My name is Adolf, I’m on the mike.
I’m gonna hip you to the story of the New Third Reich.”

Das Ganze funktioniert mit einer zündenden Melodie im Refrain, die der britische Produzent Pete Wingfield geschrieben hat, und die er sinnvollerweise den Background-Sängerinnen überlässt. Wingfield arbeitete mit jeder Menge Größen im Musikbusiness von B.B. King bis Paul McCartney, schrieb aber auch Hits für Olivia-Newton-John, Patti LaBelle und sich selbst.

Der Text kommt aber von Mel Brooks selbst und dieser setzt den Geschichtsunterricht fort mit:

„We had an election, well kinda sorta,
and before you knew it, hello New Order.
To all those mothers in the fatherland I said, Achtung, Baby, I got me a plan
‚Whatcha got Adolf? Whatcha gonna do?“
I said „how about this one – World War Two?“

Und in der nächsten Strophe rappt er dann:

„All the little countries they began to fall, Holland, Belgium, Denmark, Poland
The troops were rockin‘ and the tanks were rollin‘

We were swingin‘ along with a song in our hearts.
And „Deutschland über alles“ was making the charts.“

Dass das Ganze auch bei Brooks nicht wirklich gut ausgehen kann, ist logisch, aber er hat dennoch einen alternativen Schluss parat:

„ So I grabbed a blonde and a case of beer

Say the Russians are comin‘, let´s get out of here.

Auf Wiedersehn, good to’ve seen ya,

I got a one way ticket to Argentina.”

Und der Chor gibt ihm mit einer Ohrwurm-Melodie noch auf den Weg:

“To be or not to be,
Oh honey, can’t you see

We had to take it to the top.

You sure made history
And it felt so good to me
Oh Schatzi, please don’t ever stop”.

In Norwegen und Schweden konnte man solchen Humor am meisten schätzen, dort kam der „Hitler-Rap“ auf Platz 1 respektive 2 in den Charts. Bei mir toppt er nach wie vor die Humor-Rap-Charts weit vor Blowfly und Falcos „America“.

Montag, 28. August 2023

The Buzzards - Jellied Eels To Record Deals

 

The (Leyton) Buzzards – Jellied Eels To Record Deals

Chrysalis 1979

Es war nicht alles reine Lehre, was in den Jahren 1977 bis 1979 von den Plattenlabels als Punk vermarktet wurde. Selbst die Lieblingsband des BBC-Punk Paten John Peel, die Untertones, waren zu 50 Prozent Pop im besten Sinn des Wortes. Manchmal schnitten sich auch nur die Pub-Rock-Bands die Haare kurz, schrieben ein paar schnelle Songs und wurden als Punk vermarktet.

Die Leyton Buzzards, benannt nach dem Londoner Vorort Leighton, gingen nicht einmal zum Friseur und blieben bei ihren Teddys und Vokuhilas. Sie nahmen aber – wie The Clash oder The Ruts – gerne Reggae-Einflüsse in ihren Pub-Rock auf.

So ein wenig auf modern gebürstet gewannen sie einen „Battle of the Bands“-Wettbewerb der BBC und erhielten als Gewinn einen Plattenvertrag mit Chrysalis. Die hatten aber bisher ihr Geld eher mit Procol Harum, Supertramp oder Ten Years After gemacht. Street Credibility und Insight-Kenntnisse der Szene sahen anders aus. Die erste Single, „Saturday Night beneath the Plastic Palm Trees“, erhielt dennoch von Tony Parsons im NME den Titel „Single of the Week“ und schaffte es auf Platz 53 der britischen Charts.

Die Band strich die Herkunftsbezeichnung „Leyton“ in ihrem Namen und lieferte das ganze Album nach. Die 17 Tracks sind nicht einheitlich und definitiv kein Hardcore-Punk. Es hört sich an wie ein exzellenter Set einer Pub-Rock-Band: Einige Uptempo-Kracher, die als Punk-Pop durchgehen können, etliche Reggae-lastige Titel, die Zeit zum Verschnaufen und Bier trinken geben, und alles mit ein wenig Humor und viel guter Laune durchtränkt. Die Schnittmenge von Ian Dury, The Police und The Jam, jeweils erstes Album und dritte Runde Bier, falls man Referenzen will. Eingängig und kurzweilig bis zum Anschlag. Da darf aber auch mal der Gitarrist ein Solo rausquetschen und manchmal singen die Band-Mitglieder Harmony Vocals. No-Gos im reinen Punk und so blieb es ihr einziges Album.

Cabaret Voltaire - Mix-Up

 

Cabaret Voltaire – „Mix-Up“

Rough Trade 1979

Wenn man in Sheffield 1973 eine Band gründet und sich nach der Geburtsstätte des Dadaismus in Zürich benennt, dann ist man anders. Das Trio begann mit Heimorgel, Tonbandschleifen und selbst gebauten Oszillatoren zu experimentieren. Ihre Sound-Collagen führten sie unter anderem in öffentlichen Toiletten oder über den Lautsprecher eines fahrenden Kleinbusses auf. Dies bescherte einem Bandmitglied einen Krankenhausaufenthalt, da das unfreiwillige Publikum die ungewohnten Töne wenig goutierte, aber nach einigen Jahren erlangten sie aufgrund ihrer konsequenten Haltung auch ein wenig Respekt in der neu aufkommenden Punk-Bewegung.

Sie steuerten auf dem neu gegründeten Factory Label zwei Tracks zur ersten Veröffentlichung, einer Doppel-EP, bei. https://rockmeisterwerke.wordpress.com/2023/02/09/a-factory-sample-diverse/  In „Baader Meinhof“ ließen sie in den ersten 30 Sekunden ein Tonband mit einer deutschen Radio-Nachrichtensendung über den Selbstmord der beiden Anarchisten laufen. Nix Musik oder sowas. Nachrichtensprecher pur.

Für ihr erstes Album wechselten sie jedoch zu Rough Trade, da diese ihnen als Anzahlung ein Revox-Tonbandgerät anboten. So kam es zu „Mix-Up“ – eingespielt mit billigem Synthesizer, Gitarre, Bass, Trommel, meist monotoner Stimme und vor allem Tapes mit Geräuschen. Hämmer, Sägen, Druckluft, was einem eben in einer englischen Schwerindustriestadt so vor die Füße fällt. Später sollte man „Industrial“ dazu sagen. Das alles kommt verzerrt, gefiltert, verfremdet und durch ein billiges Echo-Gerät gejagt daher. Nichts an diesem Album erforderte Virtuosität am Instrument. Wie im Dada war alles archaisch, aber fremd.

Unerhört in jeder Hinsicht war diese Musik. Vor allem hatte man so etwas noch nie zuvor gehört. In der New Wave der Jahre 1979 bis 1982 war vieles – wie der Name sagte – neu, für die Ohren mehr oder weniger fremd. So radikal schwappte jedoch selbst in der „Neuen Welle“ nichts anderes über die Hörgewohnheiten des Publikums hinweg.

Einen einzigen konventionellen Song packten sie auf ihr erstes Album: „No Escape“ stammt aus 1966, geschrieben von der Proto-Punk Band The Seeds. Außer den Knochen ließen sie nichts übrig davon. Ohrwurm findet sich dementsprechend keiner auf diesem Album, aber auch nach mehr als 40 Jahren klingt es spannend, herausfordernd.

Ihre Kanten schliffen sich im Lauf der Zeit etwas ab. Mit „Red  Mecca“, ihrem dritten Werk, nahmen sie 18 Monate später die Electronic Body Music (EBM) mit ihren kalten Sequencer-Beats vorweg. Musiker wie Martin Gore von Depeche Mode, Bernhard Sumner von New Order, Trent Reznor (Nine Inch Nails) oder Alain Jourgensen von Ministry beriefen sich später auf sie. In diesen neun Tracks – Songs wäre der falsche Ausdruck – wurde die radikale Basis für all diese Musik gelegt.

Freitag, 11. August 2023

John Cale - Sabotage/Live

 

John Cale – Sabotage/Live

Spy Records 1979

John Cale ist als Gründungsmitglied von Velvet Underground natürlich kein Unbekannter. „Sabotage“ ist jedoch ein – völlig zu Unrecht – kaum beachtetes Album in seinen bisher 28 veröffentlichten Werken. Die zahlreichen Soundtracks nicht eingerechnet. Und es ist in vielerlei Hinsicht eine ungewöhnliche Platte. Zum einen ist es ein Live-Album – aber mit ausnahmslos von ihm vorher noch nicht veröffentlichten Songs.

Eingespielt wurde es im Juni 1979 im legendären CBGB-Club in New York City. Cale spielt dabei mit einer neu zusammengestellten Band, mit der er nur auf diesem Album zusammengearbeitet hat. Sein feines Händchen für Talente – er hat immerhin die Erstlingswerke der Stooges, von Jonathan Richman oder Patti Smith produziert – zeigt sich auch hier in der Auswahl seiner Bandmitglieder, doch dazu später.

Der Waliser hat im Lauf seiner mittlerweile fast 60-jährigen Karriere schon viele stilistische Haken geschlagen: Von der klassiknahen Minimal-Music auf „Church of Anthrax“ über feinziselierten Barock-Pop auf „Paris 1919“ bis zu atmosphärischen Collagen auf seinen Soundtracks reicht seine Bandbreite. Und noch viel weiter.

Auf „Sabotage“ zeigt er vor allem die wütende Seite seiner Persönlichkeit. Er beginnt mit einer beklemmend aktuellen Abrechnung mit Söldner-Truppen:  

“Mercenaries are useless, disunited, unfaithful

They have nothing more to keep them in a battle other than a meager wage.”

Und später wird es fast prophetisch:

“Let’s go to Moscow, let’s go to Moscow
Let’s go, let’s go to Moscow
Fight a backdoor to the Kremlin
Push it down and walk on in.”

Passenderweise zeigt er sich am Cover vor dem Hintergrund einer Atomexplosion. Im Titeltrack attackiert er dann die Medien; immerhin ist er Brite:

“Read and destroy everything you read in the press
Read and destroy everything you read in books
It’s a waste of time
It’s a waste of energy
It’s a waste of paper
And it’s a waste of ink
Whatever you read in the books, leave it there
The word for it is:
Sabotage, sabotage”

Der intellektuelle Schöngeist zeigt also wieder einmal, das fallweise „Fear“ sein „best friend“ ist. Dementsprechend klingt der Rock auf „Sabotage“ manchmal wütend, manchmal brutal, jedenfalls eindringlich wie selten. Dazu trägt auch sein Bassist maßgeblich bei: George Scott holte er von James Chance + The Contortions und dieser spielt seine vier Seiten brutal-dröhnend wie kaum einmal jemand in der Rock-Geschichte. Wie ein tieffliegender B-52-Bomber brummt er beispielsweise durch Rufus Thomas´“Walkin´ the Dog“. Leider spritzte sich dieses Ausnahmetalent ein Jahr später eine Überdosis, ansonsten hätte er die Standards für Bassspiel im Independent-Rock endgültig festgesetzt.

„Sabotage“ ist sein bedrohlichstes Album, aber es wäre nicht John Cale, wenn er nicht eine seiner zartesten Melodien einbauen würde: „Only Time will tell“ singt er nicht einmal selbst, sondern überlässt seiner Background-Sängerin Deerfrance das Mikrofon, während er selbst an die Viola wechselt. Doch die bezaubernde Melodie kontrastiert er mit: „The gentle pain of falling rain / I’ll hide behind to kill/ Behind the frozen mask and ask if time will tell: Is it heaven or hell?”

Diese fröhliche Weltsicht offenbart er auch im abschließenden „Chorale“: “And the cold of the living /And the cold of the dead/ Hand in hand from the beginning to the end.“

Mittwoch, 2. August 2023

Circus of Power - Magic & Madness

 

Circus of Power – Magic & Madness

Columbia Records 1993

Wir schreiben das Jahr 1993: U2 beginnen auf „Zooropa“ mit Elektronik zu experimentieren, Radiohead melden sich mit ihrem Debut für die nächsten zwei Jahrzehnte im Independent an, Tupac, Snoop Dogg und Wu-Tang-Clan etablieren endgültig den Hip-Hop und Nirvana, Pearl Jam und die Smashing Pumpkins räumen im schweren Fach ab.

Circus of Power lieferten seit 1987 zwei Alben mit knochentrockenem Hard-Rock und einer gelegentlichen Verbeugung vor dem Blues-Rock ab. 1993 reagieren sie auf den Zeitgeist, indem sie … nun, eine scharfe Slide-Gitarre in ihren Sound integrieren. Es gibt Bands, die beständig höchste Qualität abliefern, sich selbst treu bleiben und dennoch – oder vielleicht auch gerade deshalb – weitgehend unbemerkt bleiben. Das sind die idealen Kandidaten für diesen Blog.

Es existierten bereits zwei erstklassige Alben der fünf New Yorker vor „Magic & Madness“. Neu sind lediglich die Slide-Guitar, ein Hauch Psychedelik und eine knackige, druckvolle Produktion. Das Songwriting war immer hervorragend. Muss man es extra erwähnen, dass sie mit ihrem besten Album völlig untergingen und sich anschließend mangels Plattenvertrag für ein Vierteljahrhundert auflösten?

Der Blick zurück auf „M&M“ lohnt umso mehr. Großartige Riffs tragen die Songs, die Rhythmus-Gitarre treibt nach vorne und die Slide schneidet gelegentlich hinein wie ein heißes Messer in die Butter. Lediglich am vierten Track, „Circles“ schalten sie für die in diesem Fach gebräuchliche Ballade zurück, ansonsten bleibt das Gaspedal meist durchgedrückt. Der für mich beste Titel kommt erst auf Platz 8 der Tracklist. Ein paar Bongos (!) ertönen, doch dann kracht das mächtige Riff hinein. „I guess it´s time to call Mama Tequila“. Und genau wie der mexikanische Agaven-Brand fährt dieser Song voll hinein. So wie das ganze Album.

Mittwoch, 26. Juli 2023

Clutch - Transnational Speedway League

 

Clutch – Transnational Speedway League

EastWest Records 1993

Sie werden oft dem Grunge zugerechnet, weil ihr Debutalbum „Transnational Speedway League“ 1993 erschien. Doch das typische Leise-Laut-Schema des Grunge fehlte den vier Männern aus Germantown, Maryland völlig. Wenn auf ihrem Erstling eine Differenzierung zu hören ist, dann zwischen hart und krachend hart. In Wahrheit spielten sie vom ersten Song an in einer eigenen Liga und kümmerten sich nicht um Genres.

Das Album wirkt auch nach 30 Jahren wie ein Körpertreffer von Mike Tyson: derb, brutal und die ungeheure Wucht aus roher Kraft ziehend. Dabei gehen die Songs nach einigen Malen durchaus ins Ohr, doch das ist ein Kollateralnutzen. Nur Summen lassen sich diese Songs nicht – das wäre wie das Geräusch eines startenden Jets auf der Heimorgel zu imitieren.

Schon der erste Track „A Shogun named Marcus” kracht weg wie ein Monster-Truck auf Vollgas. „Yes, I am a New World Samurai, and a redneck nonetheless. Check it out, I am like a buzz bomb.” Man würde nicht wagen, daran zu zweifeln, wenn man die Aggressivität in der mächtigen Stimme von Neil Fallon hört. Nirvanas „Nevermind“ erschien einige Monate zuvor, aber im Vergleich klingt das ( von mir hochgeschätzte ) Trio um Kurt Cobain wie eine Schüler-Tanzband am Highschool-Abschlussball, wenn sie es dank zweier Gläser Punsch einmal krachen lassen will.

Im zweiten Track „El Jefe speaks“ schaltet Tim Sult die Gitarre einen Gang runter, aber Fallon bellt: They call me El Jefe, a char chewing troubadour. The boss and the Hit Man.“ Im Anschluss beginnt „Binge and Purge“ unheimlich wie die Eröffnung eines Horrortrips and Fallon knurrt dazu: „Perhaps it´s just the way the light falls, but everything looks like a target to me.” Eine Minute später stellt er fest: “The root of the problem has been isolated“ und der Song geht unheimlich ab. Fallon bringt es schließlich auf den Punkt: „Come on, motherfucker, let´s throw down. Just try me, what are you waiting for?” Das alles kommt mit einer Stimme, die einen verstehen lässt, dass jeder kneifen würde, wenn Fallon auf die Blutwiese wechseln will. „I´ll make you wish that you´d never been born. Come on, motherfucker, let´s go.” Und genauso klingen sie auch. Eine Urgewalt, die einen atemlos zurücklässt.

In einigen späteren Songs lassen sie gleich die Unterscheidung in Verse und Chorus weg. Aber Scheiß drauf, das Ding kracht auch so durch jede Wand, haben sie sich wohl gedacht. Wie recht sie hatten.

Auf ihren noch folgenden zwölf Alben gaben es Clutch auch etwas zurückhaltender, changierten zwischen Stoner- und Blues-Rock, jeweils mit einem Bein im Metal stehend. Ihr Erstlingswerk bleibt jedoch in seiner Wucht, in seiner Kompromisslosigkeit unerreicht.

The Comsat Angels - Waiting for a Miracle

 

The Comsat Angels- Waiting for a Miracle

Polydor 1980

Das erste Album von Joy Division, im Juni 1979 veröffentlicht, hinterließ im britischen Post-Punk sofort tiefreichende Spuren. Später berühmt werdende Bands wie U2 oder The Cure hörten sich auf ihren Erstlingswerken stark nach Epigonen der Dark Wave-Propheten aus Manchester an, aber auch vergleichsweise unbekanntere Band wie The Sound oder The Chameleons ließen „Unknown Pleasures“ offensichtlich gleich für Monate auf ihrem Plattenteller liegen.  

Das gilt in gewissem Maße auch für die Comsat Angels und ihr Debut. 1978 in Sheffield gegründet entwickelten sie eine eigene Lesart der gerade entstandenen New Wave. War der Sound von Joy Division kühl und düster, war jener der Comsat Angels noch ein wenig kühler, aber gleichzeitig von im Post-Punk bis dahin ungehörter Eleganz. Jene Eleganz, die der Sparsamkeit entspringt, wenn man genau weiß, was weggelassen werden kann. Auf „Waiting for a Miracle“ ist jeder Ton essentiell. Glasklar kommt die Musik, ohne die aus dem Punk stammende Wucht, aber umso mehr mit der Schärfe einer Rasierklinge sezierend. „Sometimes I feel out of Control“, lautet eine Textzeile, aber die Musik hört sich nach dem exakten Gegenteil an.

Sänger Stephen Fellows mochte nicht das Charisma von Ian Curtis besessen haben, aber die Musik entwickelte einen ähnlichen Sog. Sie nahmen sogar die Entwicklung vorweg, die Joy Division erst im zweiten Album vollzogen: Die Integration des Synthesizers in die gitarrenorientierte Fraktion des Post-Punks.

Letztlich entscheidet sich die Qualität eines Albums auch immer im Songwriting. Die erste Plattenseite von „Waiting for a Miracle“ ist schlicht großartig: Songs wie „Independence Day“, „Total War“ oder der Titel-Track hätten das Zeug zu ewigen New Wave-Hymnen gehabt, die zweite Seite ist nur mehr gut.

Sie tourten damals viel von England bis Island, teilweise mit U2 als Opening Act. Später beriefen sich Bands wie The Editors, Interpol oder die Arctic Monkeys auf sie, doch der kommerzielle Erfolg blieb den Mannen aus Manchester versagt. „Waiting for a Miracle, but nothing ever happens“, heißt es in der Titelzeile. Der Satz erwies sich als prophetisch: Obwohl sie bis 1995 Musik produzierten, blieben sie weitgehend unter der Wahrnehmungsschwelle.

Ambrosia - s/t

  Ambrosia – s/t 20 th  Century Records 1975 Prog-Rock hatte 1975 für mich – mit 16 Jahren – einen schweren Stand. The Who zeichneten „By Nu...