Mittwoch, 30. März 2022

Mythen in Tüten - Die neue Kollektion


 No Fun Records 1981

Wir schreiben das Jahr 1979. Punk hat seine Halbwertszeit deutlich überschritten. Die Sex Pistols sind tot, die zweite große Punk-Band, The Clash, bringt mit „London Calling” ein Rock-Album ohne Punk heraus und Joy Division lassen mit ihrem ersten Album endgültig die „New Wave“ über das UK rollen.

In Deutschland hat man den Punk aufgegriffen und wagt es wieder einmal, in Deutsch zu singen. Vorher war das in der Rockmusik Einzelgängern wie Kraftwerk, Ton Steine Scherben oder Udo Lindenberg vorbehalten gewesen. Der „Sounds“-Journalist Alfred Hilsberg greift erstmals den Begriff „Neue Deutsche Welle“ auf. Alle Bands, die zu diesem Zeitpunkt darunter fallen wie Mittagspause, S.Y.P.H., KFC oder auch die frühen DAF sind gegen Pop-Einflüsse weitgehend immun und humorfrei ohnehin.

In Düsseldorf wird in diesem Jahr „Der Plan“ gegründet und in Hannover die weniger bekannten „Mythen in Tüten“. Beide Bands, später sollte noch Foyer Des Arts dazu kommen, haben einen frischen Zugang zum Thema. Erlaubt ist, was Spaß macht.  „Der Plan“ kommt aus der Elektronik-Ecke, „Mythen in Tüten“ schöpfen in ihrer Rhythmus-Sektion eher aus Ska und Funk, das Saxophon erinnert an leichten bis manchmal schweren Jazz und die Keyboards sind billig, vermutlich für 199 D-Mark im Karstadt gekauft.

Beide Bands haben Sinn für Nonsens und beide Bands haben keine Berührungsängste mit dem Gottseibeiuns der deutschen Musik, dem Schlager. Zwar ist der Zugang ironisch gebrochen, aber die beiden Gruppen öffnen die Tür, durch die später Nena, Markus oder Hubert Kah von der anderen Seite aus stürmen und aus der Neuen Deutschen Welle die NDW machen.

Es dauert fast zwei Jahre, bis „Mythen in Tüten“ den Vertrag für ein ganzes Album erhält, obwohl das Label ebenso wie sie in Hannover sitzt. Doch allein der Name der Plattenfirma „No Fun Records“ zeigt bereits, dass man nicht nur Gemeinsamkeiten hat. Label-Acts wie Hans-A-Plast oder Rotzkotz fallen definitiv unter ironiebefreit, während „Mythen in Tüten“ auf ihrem Debutalbum aus der DAF-Hymne „Der Mussolini“ dann „Tanz den Tortellini – und jetzt den Maccaroni“ machen.

Ebenso schräg wie die Texte ist der Gesang, aber vielleicht gerade deshalb schreckt man auch nicht vor Zeilen wie „Mein Herz macht Dam-di-di-dam“ zurück. Dafür entstehen kleine Geniestreiche wie „Waren Sie schon einmal in Sansibar? Wenn ja, wie fanden Sie´s denn da? – Ja, ich war schon einmal in Sansibar und ich fand es dort sehr sonderbar“. Das funktioniert dann auch mit Kalkutta und Fischkutter und entwickelt einen ungemeinen Charme.

Mythen in Tüten schafften noch ein zweites Album und mit diesem das Kunststück, noch erfolgloser zu sein. Dennoch wurde das Debutalbum 2006 und noch einmal 2010 auf CD wiederveröffentlicht. Eine „neue Kollektion“ sozusagen.




Freitag, 18. März 2022

Neil´s Heavy Concept Album

Neil – Neil´s Heavy Concept Album

 


Warner Music 1984

 

Franz Zappa stellte 1984 die vermutlich nur rhetorische Frage „Does humor belong in music?“

Von meiner Seite wird dies mit einem klaren „Ja, selbstverständlich“ beantwortet und ich komme zum Beispiel noch mit den phantastischen HeeBeeGeeBees später darauf zurück.

 

Ein ebenfalls gelungenes Beispiel ist das – im gleichen Jahr wie das Zappa-Album – erschienene Heavy Concept Album von Neil. Bei Neil handelt es sich um eine Kunstfigur aus der einflussreichen BBC-Comedy-Serie „The Young Ones“. Neil Pye ist der Hippie in der Studenten-WG, dauernd bekifft, dauernd in Schwierigkeiten, aber dennoch freundlich bis herzerweichend.

 

Dahinter stand der Schauspieler und Comedian Nigel Planer, der unter anderem auch in Musicals wie „Evita“ mitwirkte. Die Prog-Rock-Band Marillion fragte ihn als Vorprogramm an und so tat sich Planer mit dem Multiinstrumentalisten Dave Stewart (nicht jener von Eurythmics, sondern der mit Barbara Gaskin und dem 81er-UK-Hit „It´s my party“) zusammen. Am Album zusätzlich mitgewirkt haben noch Musiker von Gong, Spooky Tooth oder Level 42, die den Auftrag von akustischem Folk über Psychedelia bis Metal perfekt umsetzten.

 

Heraus kam eine Parodie von Konzept-Alben der späten 60er und frühen 70er, der Hippie-Zeit eben. Aber schon in den ersten Sekunden bedauert Neil:

 

Hello vegetables
This is Neil here, right
Um, look, I, um
I don't want to spoil the whole record for you, right
Before it's even begun
But I just wanted to say
That the whole thing was quite a lot of hassle to make, right
And it didn't turn out like I expected it at all
I mean, for a start there's just much too much technology
And commercial stuff on it, right

 

Er setzt fort mit “Hole in my shoe“, dem Hit von Traffic aus 1967, den er mit Sitar-Klängen anreichert. Dem UK-Top-3-Hit vorangestellt wird aber eine weitere Entschuldigung: „Sorry shoes, but I have to stand on you again.“

Anschließend unterhält sich Neil mit seiner Zimmerpflanze, wird den Abfluss hinuntergespült, trifft dort eine stinkige Kartoffel oder isst als strikter Vegetarier einen Hamburger, was ihn in „Neil the Barbarian“ verwandelt. Eben die Dinge, die Hippies so passieren. Letzteres Missgeschick beschert Neil dann einen „Lentil Nightmare“, in dem Black Sabbaths gleichnamiger Song mit „The Court of the Crimson King“ gekreuzt wird.

 

Später freut Neil sich auf eine ruhige akustische Nummer:


Right okay no more technology, no more synthesizers
I'm just gonna do a really beautiful whole earth acoustic number for you now, right
Just like voice and guitar and we can all get really mellow

Okay here it goes: Hurdy Gurdy mushroom man has locked me in a frying pan

Don´t wanna get out of bed today cos there´s bad, bad karma in the UK

 

Worauf seine Mutter – Barbara Gaskin - anruft und Neil das Rappen lernen muss, am Ende aber seinen Spaß daran findet. Nicht so viel allerdings wie sein Publikum bei diesem Highlight der Darf-auch-Humor-haben-Rockmusik.


https://www.youtube.com/watch?v=5WKdL__mu0o


Montag, 14. März 2022

Robbie Nevil - s/t

 

Robbie Nevil – s/t

Manhattan Records 1986

Es ist eine schon öfter erzählte Geschichte: Einigermaßen erfolgreicher Songwriter möchte es selbst als Interpret der eigenen Werke versuchen. Oft klappt es kaum, hier klappte es wunderbar.

Die Vorgeschichte: Weißer Junge lernt Gitarre, spielt in einer Cover-Band zuhause in Los Angeles, findet Gefallen an schwarzem Funk-Pop, beginnt Songs zu schreiben und siehe da: bewunderte Acts wie Earth, Wind + Fire oder die Pointer Sisters kaufen einzelne Songs.

Drei Jahre später bekommt er den Plattenvertrag als eigener Interpret und Produzent Alex Sadkin, der Erfahrung von Bob Marley über Joe Cocker bis Duran Duran mitbringt, hat endlich Zeit. Robbie Nevil hat zehn Songs und eine gewisse Vorstellung über den Sound im Gepäck.

Heraus kommt eine Mischung aus Pop, frühem R+B und Radio-tauglichem Funk, gewürzt noch mit einem Hauch Karibik und Latin Music. Für diese Zeit innovativ war der Einsatz von Marimbas und anderen damals exotischen Percussion-Instrumenten. Und der begabte Junge aus LA hat zwar keine große Stimme, kann aber wandlungsfähig singen. Vor allem aber zeigt sich, dass er mit seinen Songs kleine Perlen bis große Meisterwerke mitgebracht hat. Wie damals üblich werden Uptempo-Nummern mit Balladen ergänzt, doch bei Nevil sind es keine Füller.

Einen der mitgebrachten Songs hat er schon drei Jahre vorher an einen Gospel-Sänger namens Beau Williams gegeben, doch Robbie möchte ihn auch selbst aufnehmen. Es wird zu einem Percussion-Feuerwerk mit innovativem Sound und mächtigem Refrain. Einige Zeit ringen sie mit der Plattenfirma und tatsächlich wird der Second-Hand-Song die erste Single des Albums.

„C´est la vie“ marschiert in Folge bis auf Platz 2 der Billboard-Charts. Die beiden Folge-Singles „Dominoes“ und „Wot´s it to ya” sind nicht mehr so erfolgreich und das Album schafft es trotz des Hits „C´est la vie“ nicht in die Top 30.

Dennoch ist es auch 35 Jahre später noch ein funkelndes Pop-Meisterwerk, das sich nicht wie manche 80er-Produktionen mit der Zeit abgenutzt hat. Der Sound ist so vielfältig und für die damalige Zeit zukunftsweisend, die Rhythmen so packend und das Songwriting vor allem auf der ersten Seite so herausragend, dass es keinerlei Staub angesetzt hat. Vergessen wurde es dennoch.

Um Robbie Nevil muss man sich trotzdem keine Sorgen machen. Obwohl beide Folgealben floppen, schreibt und produziert er in Folge für Babyface, Jessica Simpson oder Destiny´s Child und wird später für Projekte wie Hannah Montana oder High School Musical angefragt. Irgendwie muss man schließlich die Familie versorgen und die Rechnungen zahlen.




Shara Nelson - What silence knows

 

Shara Nelson – What silence knows

Cooltempo Records 1993

Der Name Shara Nelson mag manchen noch ein wenig geläufig sein. In den späten 80er-Jahren arbeitete sie in Bristol als Sängerin mit dem DJ-Team The Wild Bunch zusammen. Teile davon wurden dann zu Massive Attack. Ja, genau die. Die Trip-Hop-Legende.

Während der Aufnahmen zu deren Debutalbum sang Nelson in einer Pause eine eigene Song-Skizze namens „Kiss and tell“. Die mithörenden Massive Attack-Mitglieder fanden, das hätte was, daraus ließe sich vielleicht was machen. Es wurde zu „Unfinished Sympathy“, einem mittleren Hit in vielen europäischen Ländern und vor allem zu einem Fix-Bestandteil in allen Listen der besten Songs. Die Meta-Bestenliste Acclaimed Music führt ihn auf Platz 63 der besten 3000 Songs aller Zeiten. Shara Nelson war übrigens auch noch an einigen anderen Songs von „Blue Lines“, dem ersten Massive Attack-Album, als Mit-Autorin beteiligt. Song-Schreiben kann die Dame also.

Zwei Jahre später hatte sie noch einige neue Songs parat, drei davon mit niemand Geringerem als Prince als Co-Autor. Sie versuchte es solo und blieb dem Trip-Hop-Stil von Massive Attack nahe, wenn auch mit mehr Soul und etwas mehr Pop-Appeal. Immerhin schaffte es die gemeinsam mit Prince geschriebene erste Single „Down that road“ auf Platz 19 der UK-Charts.

Die restlichen Songs sind mit einer einzigen Ausnahme (ausgerechnet dem Titel-Track) gleich oder fast so gut. „What silence knows“ ist daher ein Album mit exzellentem Song-Writing, interessantem Sound und bietet feinsten, eingängigen Trip-Hop. So weit, so gut.

Was das Album aber für mich in einzigartige Höhen hebt, ist die Stimme von Shara Nelson. Es gibt einen Song von Back Street Crawler, der Band von Paul Kossoff, als er bei Free ausstieg, namens „The sound of molten gold“. Seit ich das Shara Nelson-Album kenne, weiß ich, wie sich geschmolzenes Gold anhört. Ich höre, wie es gleichzeitig schimmert und verbrennt, während es träge dahinfließt.

Es gibt einige Frauen, von denen ich Alben alleine wegen ihrer Stimme und ihres Gesangs hören würde. Egal, was sie singen, es könnte sogar deutscher Schlager sein, um ein Extrembeispiel heranzuziehen. Sandy Denny zählt dazu, Grace Slick, Siouxsie Sioux oder Mavis Staples. Aber allein die göttliche Aretha Franklin, die beste von allen, schafft es, mich mit ihrer Stimme in gleichem Maße zu rühren, mir Tränen der Ergriffenheit in die Augen zu treiben, wie Shara Nelson.

Die Ungerechtigkeit der Musik-Welt bewies sich einmal mehr: Nach einem erfolglosen zweiten Album verschwand Shara Nelson weitgehend in Vergessenheit und dieser Schatz der Menschheit, würdig eines UNESCO-Weltkulturerbes, blieb unbekannt, ungenutzt. Mit Ausnahme meines Wohnzimmers.




Niagara - Religion

 

Niagara – Religion

Polydor 1990

Ehrenrettungsversuch für den französischen Rock – Teil 2. Netterweise im Alphabet knapp neben Noir Désir. Niagara sind ein 1984 in Rennes gegründetes Duo, bestehend aus Muriel Laporte (Gesang und Texte) und Daniel Chevenez (mehr oder weniger der Rest). Namensgeber war der Marilyn-Monroe-Film, aus dem sich Laporte auch gleich eine ihrer Haarfarben entlehnte.

Das Ganze erinnert ein wenig an die Eurythmics; die Schöne und das ungeheuer – im Hintergrund bleibende Mannsbild. So wie die berühmten Briten stehen sie mit einem Bein im Pop. Die ersten beiden Alben fallen wohl noch unter Synth-Pop, doch im dritten Album „Religion“ wandeln sich die Franzosen, und das zweite Bein macht einen heftigen Sprung in Richtung Hard-Rock, gleichzeitig aber auch einen Schritt Richtung Soul und Funk. Anatomisch schwieriger als musikalisch, wie sie gleich zu Beginn beweisen.

In „Le ciel s´est déchiré” setzt Chevenez nach fünf Sekunden Elektronik-Geschwurbel ein extra-lässiges Gitarrenriff hin, vier Takte später fahren die Bläser, Marke Stax Records – extra scharf, hinein und Laporte gibt die Motorradrocker-Braut. Und im anschließenden „J´ai vu“ lässt Chevenez noch ein breitbeiniges Mörderriff heraus, kontrastiert dieses aber mit Mundharmonika (remember „Missionary Man“ der Eurythmics?), Slide-Gitarre und einer Booker T.-Orgel. Das Ganze geht ab wie eine Horde Bisons, nachdem sie den Waldbrand gerochen haben. Merke: Viel Gras lassen die nicht stehen. Aber Vorsicht: Falls man sich das Video ansieht, könnte man durchaus von der Musik abgelenkt sein…

Allein diese ersten beiden Songs haben mehr als viele bekanntere Bands in ihrer ganzen Karriere zusammengebracht haben – nur dass Niagara das Niveau stellenweise halten können. Chevenez produzierte selbst, geradeaus und druckvoll. Im vierten Track zeigen sie, dass sie auch Gefühlvolleres im Repertoire haben, da duftet sogar das „Herbe écrasée“, das zerkleinerte Gras.

Das Album ging bis auf Platz 17 der französischen Charts und auch einige Leute im französischsprachigen Teil von Kanada waren anlässlich einer Tour so begeistert, dass ihnen ein US-Plattenvertrag angeboten wurde. Die Bedingung war aber, dass künftig in Englisch gesungen werden müsste. Niagara machte noch für ein viertes, fast ebenso gutes Album in ihrer Muttersprache weiter. Womit wir wieder am Anfang wären, warum es so wenige bekannte französische Rock-Acts gibt…




Noir Désir - Tostaky

 

Noir Désir – Tostaky

Barclay 1992

Für eine der größten Kulturnationen der Welt hat Frankreich in Sachen Rockmusik noch deutlich Luft nach oben. Ja, viel kommt da nicht spontan, wenn man den Satz liest, oder? Je nach Alter und Verfasstheit vielleicht Johnny Hallyday, Magma, Le Rita Mitsouko, Mano Negra oder zuletzt Christine and The Queens. Nicht besonders beeindruckend für eine Nation mit de Balzac, Moliere, Proust, Baudelaire oder zuletzt Houellebecq, Liste je nach Geschmack mit den nächsten 100 Namen zu ergänzen – vervollständigen wäre als Wort hier eine Zumutung.

Ein Grund liegt sicher in der noch fast durchgängigen Weigerung, in einer anderen als der eigenen Sprache zu singen. Ein wenig davon abgewichen sind Noir Désir (schwarze Begierde), eine 1987 gegründete Band aus Bordeaux, die zumindest manche Songs auf Englisch verfasste. Zuweilen streuten sie auch nur einzelne englische Zeilen ein, wenn sie gegen Faschismus, Kapitalismus, Globalisierung oder Gewalt (zum letzteren noch später) ansangen.

In 14 Jahren ihres Bestehens veröffentlichten sie sechs Studioalben und wurden damit weltberühmt in Frankreich, ein wenig vielleicht noch in der einen Hälfte von Belgien. Musikalisch wären sie heute im Alternative Rock zu verorten, Sub-Abteilung Grunge, aber mit Einflüssen von arabischer Musik über Elektronik bis zum Chanson. Ohne geht es wohl nicht.

„Tostaky“ ist ihr viertes Album, einige Monate nach „Nevermind“ erschienen. Sänger Bertrand Cantat nahm ein Jahr Auszeit, schrieb neue Songs, und der Rest der Band hörte in der Zwischenzeit Fugazi und Sonic Youth. Von Fugazi holten sie sich auch gleich den Produzenten des ersten Albums, Ted Niceley.

Heraus kam französischer Grunge, manchmal im Leise-Laut-Schema, manchmal mit punkbeeinflussten Ausbrüchen, manchmal lyrisch-ruhig. Stellenweise entwickelten sie aber eine Wucht und Gewalt, dass sich berühmtere Kollegen in Seattle anhalten mussten.

Es blieb ihr druckvollstes, konsistentestes und bestes Album, wenngleich sie auf ihrem letzten Werk mit „Le vent nous portera“ 2001 noch einen kleinen, extrem entspannten Indie-Hit landeten. Doch zwei Jahre später kam es zwischen Cantat und seiner Partnerin, der Schauspielerin Marie Trintignant, in einem litauischen Hotelzimmer zu einer Eifersuchts-Auseinandersetzung, bei der ihr Cantat so brutal gegen den Kopf schlug, dass sie einen Tag später im Krankenhaus verstarb. Soweit zum Thema Texte gegen Gewalt.




The Only Ones - Even Serpents Shine

 

The Only Ones – Even Serpents Shine

CBS 1979

Für mich waren die 1976 gegründeten Only Ones immer sowas wie ein Pendant zur US-Band Television. Beide wurden zu ihrer Zeit als Punk und New Wave gehandelt, passten aber kaum in diese Schublade. So wie der sich selbst nach einem französischen Symbolismus-Lyriker nennende Tom Verlaine neigte auch Only Ones-Gründer Peter Perrett mehr zu poetischen Texten rund um die Themen zerbrochene Liebe, unerwiderte Liebe und hoffnungslose Liebe statt zu Straßenkampfparolen für ein brennendes London.

Beide Bands pflegten das spannungsgeladene Zusammenspiel zweier Gitarren – ein Unding im Punk – und beide Chefs schickten ihre Soli jubilierend himmelwärts. The Only Ones gingen sogar so weit, ein Instrumental als Ausklang mit auf das Album zu nehmen.  Wenn der Gesang mehrstimmig wurde, erinnerte er sicher nicht an Fußballchöre, und Perretts Einsatz seiner Stimme war sehr viel näher bei Lou Reed als bei Johnny Rotten.

Dennoch wurde ihr Debutalbum als Punk gehandelt und der zweite Track „Another girl, another planet“ findet sich noch immer auf manchem Punk-Sampler. Elf Jahre später verschaffte ihnen eine solche Compilation sogar die einzige Charts-Platzierung in den UK-Charts, auch wenn es nur bis Rang 57 ging. In der Folge coverten sogar Bands von Libertines bis Blink 182 den Song, der 1977 noch wenig Beachtung fand.

Ich habe dennoch das zweite Album „Even Serpents Shine“ ausgewählt. Es ist das musikalisch konsistentere Werk. Die Band hatte ihren Stil gefunden und fünf der sechs Songs auf Seite Eins sind fast so gut und eingängig wie „Another girl, another planet“.

Im Erdgeschoss werken der ehemalige Spooky Tooth-Drummer Mike Kellie und Bassist Alan Mair, der auch schon fast 15 Jahre Musikerfahrung am Buckel hatte, und sie verstehen ihr Handwerk perfekt.  Im Obergeschoß mit ausladender Terrasse tanzen die beiden Gitarristen in perfekter Abstimmung und manchmal laden sie ein Klavier oder ein Saxophon zur Party. Das Ganze ist – britisch bleibend – eher im Spannungsfeld zwischen Mott The Hoople und Bill Nelsons Be-Bop Deluxe (man höre sich nur Perretts fließendes Spiel auf „Inbetweens“ samt imitierter Möwe an) als zwischen The Clash und Sex Pistols anzusiedeln.

Ein nicht mehr ganz den eigenen Standard haltendes drittes Album und eine US-Tour als Opener von The Who sollten noch folgen, dann löste sich die Band auf.




Ambrosia - s/t

  Ambrosia – s/t 20 th  Century Records 1975 Prog-Rock hatte 1975 für mich – mit 16 Jahren – einen schweren Stand. The Who zeichneten „By Nu...