Mittwoch, 17. August 2022

The Timelords / The KLF - Doctorin´the Tardis

 

TVT Records 1988

Auch Weltstars haben oft nicht gleich als solche begonnen. Bevor KLF 1989 und 1990 die weltweiten Charts mit Hits wie „Justified and Ancient“ oder „America: What time is love“ stürmten, versuchten sie sich unter dem Namen „Justified Ancients of Mu Mu“ – benannt nach einer Gruppierung aus der der Kult-Trilogie „Illuminatus!“.

Bereits zu Beginn kombinierten sie Dance- und House-Beats mit gesampelten Melodien konventioneller Hits – etwa von den Beatles oder Whitney Houston. Dann bedienten sie sich bei „Dancing Queen“ von ABBA und somit bei den Falschen, denn Bjorn und Benny verstehen überhaupt keinen Spaß, wenn es um ihr Geld geht. „Das Album „1987 – What the F..k is going on?“ wurde eingestampft beziehungsweise von den Künstlern selbst in der Nordsee versenkt.

Bill Drummond und Jimmy Cauty, die beiden Mitglieder der JAMS, machten dennoch mit ihrer Methode weiter. Sie wollten es sogar noch etwas kommerzieller angehen. Unter dem Namen „ The Timelords“ bedienten sie sich bei der im UK kultisch verehrten TV-Serie „Doctor Who“. Sie klauten das musikalische Titelmotiv, die Identität des Doctors (ein „Timelord“ von der Herkunft her) und packten auch sein Telefonzellen-Raumschiff, die „Tardis“, in den Titel. Nachgeahmte Ausrufe der Daleks („Exterminate!“) komplettierten den Rip-Off der TV-Ikone.

Doch damit nicht genug: Drummond und Cauty komponierten daraus keinen Song, sondern bedienten sich zusätzlich bei Gary Glitters „Rock´n´Roll, Part Two“ und setzten noch die Sirene und den „Ah-Ah“-Chorus von Sweets „Blockbuster“ obendrauf. So hört sich „Doctorin´the Tardis“ auch an. Ein wunderbares Stück britischer Glam-Rock, das köstlich unterhält und in keiner Sekunde ernst gemeint ist. In ersten Interviews erklärten sie, damit nichts weniger als einen „Nummer-Eins-Hit“ angestrebt zu haben. Die britische Musik-Presse erklärte das Stück als „ranzig“, doch die Plattenkäufer schickten es – auf Nummer Eins.

Damit noch immer nicht genug: Drummond und Cauty machten sich über ihren eigenen Erfolg lustig und veröffentlichten „The Manual“ – ein ironisches und lesenswertes Büchlein, wie man einen Nummer-Eins-Hit fabrizieren kann, ohne selbst Ahnung von Musik zu haben. Man klaue einen bekannten Song, lege einen Dance-Beat darunter und füge ein paar Zeilen eigenen sinnlosen Text dazu. Den Rest lasse man die Studiomusiker erledigen, denn die seien meist absolute Profis. Sie sahen sogar voraus, dass bald kein Studio mehr nötig sein werde, denn dies könne man künftig mit japanischer Technik von zuhause aus erledigen. Propheten am Werk! Die österreichische Band „Edelweiss“ hielt sich übrigens exakt an „The Manual“ und verkaufte weltweit von „Bring me Edelweiss“ fünf Millionen Stück.

„Doctorin´the Tardis“ erschien zwei Jahre später noch als CD-Single mit fünf Tracks und 27 Minuten Laufzeit. Neben dem obligaten 12“-Mix und einer Instrumental-Fassung gibt es darauf auch eine Version mit echten Gary-Glitter-Vocals unter dem Titel „Gary joins the JAMS“. Eine frühe Instrumental-Fassung ihres späteren Welthits „What time is love“ komplettiert dieses wundervoll unterhaltsame Stück Musik.

https://www.youtube.com/watch?v=DsAVx0u9Cw4 
https://www.youtube.com/watch?v=IcsZAIHLoDE

Freitag, 12. August 2022

Ben Kweller - On My Way

 

ATO/RCA Records 2004

Sein Vater war musizierender Gemeindearzt in Greenville, Texas, und im Nebenhaus wohnte Nils Lofgren. Immerhin Mitglied der „Rock´n ´Roll Hall Of Fame“ und fallweise in den Bands von Bruce Springsteen und Neil Young tätig. Der kleine Ben begann also bereits mit 7 Jahren, mit dem Vater Musik zu machen, und mit neun hatten sich bereits etliche eigene Kompositionen in seinem Repertoire angesammelt.

Mit seiner Band „Radish“ wurde er ab 1994 (13 Jahre alt!) kurz als „Baby-Nirvana“ gehandelt, bevor er das Silverchair-Schicksal vermied und sich auf Solo-Pfade begab. Das erste Album, bei dem er fast alle Instrumente selbst spielte, klang noch ziemlich nach Weezer und Evan Dando mit seinen Lemonheads tourte mit ihm.

Ben nahm sich Zeit für die nächsten Songs und spielte sie alle mit Band live im Studio ein. Keine Kopfhörer, keine Overdubs. Als Inspiration für „On my way“ nannte er die Beatles, Pavement und Sonic Youth. Da hat dazwischen schon einiges Platz. An die Violent Femmes und Ben Folds, mit dem er später touren sollte, fühlt man sich zeitweise auch erinnert. So changiert das Album stilistisch auch zwischen geradlinigem Slacker-Rock, Power-Pop und Klavierballaden. Allerdings ohne auseinander zu fallen, ohne Brüche zu provozieren. Es hört sich flüssig an, alles eingängige, ausgereifte Songs ohne Füller.

Es ist auch das Songwriting, das dieses Album weit über damals übliche Standards hob, es zu einem kleinen Juwel macht. „On my way“, „I need you back“, “Down” oder „My apartment“ sind echte Ohrwürmer. Textlich dreht sich das meiste um Beziehungen – wenn auch manchmal der Zugang überraschend ist: „Show me all the rules, girl, I just want to get them wrong.“

Vier weitere Alben sollten in den nächsten eineinhalb Jahrzehnten noch folgen, doch keines wies mehr diese Dichte an exzellenten Songs und an unprätentiöser Frische auf. 2004 war er am zielsichersten „on his way“.

https://www.youtube.com/watch?v=AhP548sb0VI

https://youtu.be/AhP548sb0VI?t=7


Dienstag, 2. August 2022

La Perversita / s/t

 

Invisible Records 1979

Eine wie aus dem Grammophon kommende Männerstimme singt „Strawberry Fields Forever“ von den Beatles. Dann setzt die monotone Percussion ein, ein paar Fetzen zurückhaltender Gitarre und ein paar Elektronik-Tupfer kommen dazu. Ab und zu pfeift noch jemand das eingängige Riff der Beatles, aber außer zwei Zeilen Gesang und fünf Tönen Gepfeife bleibt nach der Dekonstruktion nichts mehr übrig vom Beatles-Hit, dafür erzählt eine französische Frauenstimme Dunkel-Erotisches.

Auch auf „5´ – Et Quelque De Bonheur“ läuft die Percussion monoton durch und die Gitarre müht sich durch ein Bar-Jazz-Riff. Dazu singt eine ferne Männerstimme etwas von „Be-bop-a-lula“ und die Frauenstimme flüstert Unanständiges auf Französisch.

Dreht man die Platte, wird „Satisfaction“ von den Stones zerlegt und mit viel mehr Erotik als bei Mick Jagger neu zusammengesetzt.  Am Ende der B-Seite schwillt ein morbid-monotoner New-Wave-Sound an, der erstmals auch das Wort „Rock“ rechtfertigt. Dazu erzählt die weibliche Stimme, Jeanne Foly, von „La Soupeuse“ – der „Suppenmacherin“. Es braucht nicht viel Fantasie und Französisch-Kenntnisse, um den wahren Inhalt zu erahnen.

„La Perversita“ war ein Projekt von Hector Zazou nach seinen beiden ZNR-Alben. Später sollte der in Algerien geborene Franzose seine Werke irgendwo zwischen Erik Satie, Electronica und Weltmusik pendeln lassen. Dabei arbeitete er unter anderem mit bekannten Künstlern wie David Sylvian, Ryuichi Sakamoto oder Lisa Gerrard zusammen.

Auf diesem frühen Album mischt er – unter Mitwirkung des Künstlerkollektivs Bazooka und zweier Zeitungsjournalistinnen – experimentelle New-Wave-Elektronik mit Avantgarde-Klassik und kreuzt Dada und Pornografie. Der im Englischen gebräuchliche Ausdruck „Explicit Lyrics“ greift hier wohl zu kurz. In zwei Booklets ergänzt erotisch-politische Schwarz-Weiß-Kunst von Kiki  Picasso zu Themen wie „La Necrophage“ (die Aasfresserin) oder „La Zoophile“ (bei uns eher als Sodomie geläufig) das Gehörte.

Musikalisch sind das alles keine Ohrwürmer – nicht einmal die Beatles- und die Stones-Songs überleben diese Attacke. Das Ganze entwickelt aber eine faszinierend-hypnotische Atmosphäre mit dissonanten Einsprengseln. In einem Satz lässt es sich als nicht jugendfreie Mischung aus Serge Gainsbourg und den Residents zusammenfassen. Auch das Wort „Einzigartig“ verdient es mehr als fast alle anderen Alben.

Leider ist „La Perversita“ heute nicht mehr unter 150 Euro erhältlich, teilweise zahlt man sogar das Doppelte.

Freitag, 22. Juli 2022

The Lurkers - Fulham Fallout

 

The Lurkers – Fulham Fallout

Beggars Banquet 1978

Musikhistorisch stehen sie allgemein wohl in der dritten Reihe der Punk-Bands, auch wenn sie 1976 zu den ersten zählten, die im legendären Londoner Roxy-Club auftraten. The Lurkers spielten schon damals als Support für „Eater“ oder „Slaughter + The Dogs“, die auch nicht unbedingt als Vorzeige-Acts des Punks haften blieben.

Sie waren auch die ersten, die beim neu gegründeten Beggars Banquet-Label unter Vertrag genommen wurden, und veröffentlichen dort die Single „Shadow“. Bereits damit holten sie sich ihren Sticker als „British Ramones“ ab. Was sie mit den New Yorkern teilten, waren eingängige Melodien und unzeitgemäße Frisuren. Allerdings fehlte ihnen der 60er-Pop-Charme, der den Sound der Punk-Urväter mitprägte, was sie mit der Aggressivität von Londoner Vorstadtjugendlichen kompensierten. Eine US-Referenz setzen sie allerdings gekonnt ein: Als sechsten Song auf „Fulham Fallout“ covern sie den Crystals-Hit aus 1961 „Then he kissed me“, den die Beach Boys später zu „Then I kissed her“ machten. Punk-typisch mutieren sie den Songtitel hier zu „Then I kicked her“. Wozu die Crystals allerdings 2 Minuten und 37 Sekunden brauchten, knüppeln die Londoner in eineinhalb Minuten herunter. Noch Fragen?

Musikalisch waren die „Lurkers“ also alles andere als „Schleicher“. Schon die ersten 30 Sekunden des Debutalbums „Fulham Fallout“ machen klar, was den Hörer erwartet: „Ain´t got a clue“ beginnt mit einem Schlagzeug nahe an der Schallgeschwindigkeit, darauf setzt sich ein primitives, aber hochwirksames Gitarrenriff und dann folgt eine eingängige Hookline, deren Text man am besten gleich wieder vergisst. „Is it true? What will I do? Ain´t got a clue.” Man kann es natürlich auch als auf drei kurze Sätze kondensierte Punk-Philosophie verstehen.

Noch eindeutiger ist der Text beim letzten Track der ersten Seite: „Gotta go. Let´s go. Go, go, go, go.“ Mehr ist nicht. Und doch zählt das Fast-Instrumental dank eines genialen Riffs, das „Let´s go“ auf den Punkt umsetzt, für mich zu den Highlights des Punks. Selbst das absolute No-Go eines Gitarrensolos mit Feedback setzen die Lurkers hier ein und es funktioniert bestens.

44 Jahre ist dieses Album nun alt und noch immer setzt allein das Lesen von Songtiteln wie „Shadow“, „Be my prisoner“ oder „I´m on heat“ sofort eine Melodie in Gang, zu der man am liebsten auf der Stelle Pogo tanzen möchte. Die Kniegelenke haben jedenfalls unter den 44 Jahren mehr gelitten als dieses Album.


Donnerstag, 23. Juni 2022

Material - One Down

 

Material – One Down

Celluloid/Elektra 1982

80er-Jahre-Disco trifft Free-Jazz trifft Funk trifft Avantgarde-Rock. So in etwa könnte man den Sound von Material zusammenfassen.

Und das alles wurde gespielt von hervorragenden Musikern. 1979 gegründet, wurde Material bald zur Begleitband für den Psych-Rocker Daevid Allen (Gong) und fungierte dann als Hauscombo des New Yorker No-Wave-Labels Celluloid. Später arbeitete Keyboarder Michael Beinhorn mit den Red Hot Chili Peppers oder Hole, Fred Maher und Robert Quine wechselten unter anderem zu Lou Reed. Bandleader und Bassist Bill Laswell sollte im weiteren Verlauf mit so unterschiedlichen Musikern wie Herbie Hancock, Iggy Pop, George Clinton, Brian Eno, Mick Jagger oder Motörhead zusammenarbeiten.

Sein Werk stand immer unter dem Motto „Collision Music“, was er mit dem Satz „Nothing is true, everything is permitted“ verdeutlichte.  So brachte er später den Rapper Afrika Bambaata mit John Lydon aka Johnny Rotten zusammen.

Auf „One down“ eröffnet die göttliche Nona Hendryx, die vorher mit Patti LaBelle in deren gleichnamiger Soul/R+B-Gruppe sang. Auf „I´m the one“ zupft Nile Rodgers entspannt eines seiner typischen Disco-Riffs, während im nächsten Track „Time out“ Avantgarde-Jazz-Rocker Fred Frith mit einem seiner exzentrischen Gitarren-Soli den Kontrapunkt zu den Vocoder-Vocals setzt. Später, beim Song „Memories“ des Soft Machine-Bassisten Hugh Hopper, gibt die blutjunge Whitney Houston ihr Plattendebut und Free Jazzer Archie Shepp bläst dazu das Tenor Saxofon. So geht Cross-Over.

Gegenüber den ersten Veröffentlichungen der Band wirkt „One Down“ zugänglicher und fast schon Disco-geeignet. Kurz zuvor hatte man das wunderbare und ebenfalls eingängige „Bustin´out“ auf EP herausgebracht, das auf der CD-Veröffentlichung als Bonus-Track enthalten ist. Das Album klingt heute natürlich nicht mehr so innovativ wie 1982, aber manches hier Gehörte ist später in den musikalischen Mainstream aufgenommen worden. Laswell hatte schon vorher auf Herbie Hancocks „Future Shock“ gezeigt, in welche Richtung es gehen kann – siehe „Rock it“. Hier lebte er es voll aus.

Samstag, 11. Juni 2022

Martin Newell - The Greatest Living Englishman

 

Martin Newell – The Greatest Living Englishman

Humbug Records 1992

Ich gehe einmal davon aus, dass jemandem, der einen Blog über unbekannte Rockmusik liest, XTC ein Begriff ist. Sollte sich jemand aber aus den Weiten des World Wide Web hierher unbeabsichtigt verirrt haben, XTC sind seit ihrer Debut-EP 1977 eine der besten Bands dieses Planeten, und gemeinsam mit Wire vermutlich die beste kommerziell nicht erfolgreiche. Bei eingehender Analyse ist diese Behauptung vermutlich nur bedingt haltbar, weil zu erweitern, aber egal – sie erfüllt den Zweck. Jedenfalls schrieben Andy Partridge und Colin Moulding als große Beatles-Verehrer Songs mit ähnlicher Eingängigkeit wie die „Fab Four“, nur dass sie musikalisch in der New Wave sozialisiert wurden und besser singen konnten als John Lennon. Was zugegeben eine niedrige Hürde darstellt.

Falls es noch nicht richtig herausgekommen ist, die Beatles halte ich für eher verzichtbar, XTC hingegen keinesfalls. Wenn Paul McCartney einen Song wie „All you pretty girls“ komponiert und unter seinem Namen herausgebracht hätte, würde ihm dank dieses Refrains seit einiger Zeit jede einzelne schottische Insel gehören. Stattdessen sitzt Andy Partridge weiter in seinem Reihenhaus in Swindon und überlegt, womit er weiter seine Rechnungen zahlen soll.  Jedenfalls haben XTC fünf ihrer Alben unter den besten 3000 Musikalben aller Zeit (laut Meta-Besten-Liste AcclaimedMusic) – fast so viele wie die Beatles.

Eigentlich geht es aber um Martin Newell – einen englischen Poeten, Kolumnisten und Frontman der Gitarrenpop-Band Cleaners from Venus aus den 80er-Jahren, die erst recht niemand kennt. Er begab sich Anfang der 90er-Jahre auf Solo-Pfade und fand Andy Partridge, der Leute produzieren wollte, die ähnlich dachten wie er selbst. Das Album „The Greatest Living Englishman“ wurde 1992 in Partridges Schuppen mit einem Budget von 12.000 Pfund eingespielt, das Vierfache von dem, was Newell normalerweise aufbringen konnte. XTC-Mitglied Dave Gregory schaute öfter vorbei und auch Captain Sensible leistete einen Beitrag. Partridge experimentierte mit seinem ersten Macintosh-Computer und übernahm die Drums auf einem Yamaha-Pad, da ein richtiges Schlagzeug in seinem Schuppen nicht Platz gefunden hätte. Außerdem war er für die Produktion verantwortlich und so steht auf dem Backcover: „Featuring the New Improved Andy Partridge“.

Schon die ersten Gitarren-Akkorde, die das Album eröffnen, signalisieren dem XTC-Fan „Willkommen zuhause“. Der zweite Track „Before the hurricane“ beginnt wie ein Song von Apple Venus, einem der allerbesten XTC-Alben, und er geht auch so weiter, nur dass weder Andy Partridge noch Colin Moulding singt. „River of Orchids“ heißt die Referenz. Der nächste Track „We´ll build a house“ wäre auf dem XTC-Album „Mummer“ eines der Highlights gewesen, lediglich „A Street Calles Prospect“ schreit hingegen nach den ersten Tönen „Ray Davies“, aber auch die Kinks sind nicht die schlechteste englische Referenz, und Newells Texte sind ohnehin nahe an Davies´ ironischen Alltagsbetrachtungen.

Herausgekommen ist also das beste XTC-Album, das nicht direkt von der Band oder von Andy Partridge selbst stammt. Und das ist ein Kompliment, wie es größer kaum ausfallen könnte.

Dienstag, 3. Mai 2022

 

Lizzy Mercier Descloux – Mambo Nassau

Phonogram 1981

Das zweite Album gilt in der Rockmusik allgemein als das schwierigste. Einige Künstler finden jedoch erst auf ihrem zweiten Werk zu ihrem Stil. Warren Zevon fällt mir spontan ein und selbst der große David Bowie lieferte zuerst ein unschlüssiges bis überflüssiges Debut ab, bevor er „Space Oddity“ auf die Theken der Plattenläden knallte.

Lizzy Mercier Descloux gelang mit ihrem zweiten Album sogar das beste ihrer Karriere und sie fand zu ihrem eigenen Stil. Die Französin ging 1977 mit ihrem Freund Michel Esteban auf der Suche nach echtem Punk von Paris nach New York. Esteban gründete dort das einflussreiche Label ZE Records (Contortions, Suicide oder Kid Creole!) und Mercier Descloux veröffentlichte bei ihm „Press Color“, ein mediokres Album zwischen frühen Talking Heads, Disco und No-Wave.

In Folge entdeckte sie ihre Liebe zur südafrikanischen Musik, schrieb dort einige Songskizzen und Island-Records-Boss Chris Blackwell schickte sie auf seine Kosten ins Studio nach Nassau, wo schon Grace Jones ihre Meisterwerke einspielte. Ihr zur Seite stellte er Wally Badarou als fallweisen Co-Autor, Keyboarder und Arrangeur, der vorher vor allem mit Level 42 arbeitete und später auch auf zwei Talking Heads-Alben mitwirken sollte.

Das passte wunderbar und heraus kam eine Art Percussion- und Bass-lastiger Fusion-Pop, in dem Badarous Keyboards die Melodien übernahmen. Mercier Descloux atmete viel vom Karibik-Feeling des Aufnahmeorts ein und so hört man Funk, Reggae und südafrikanische Elemente ineinander gewoben, als wären sie immer schon ein eigener Stil gewesen. Dazu haucht, zwitschert, trällert und kiekst Mercier Descloux in ihrer zauberhaften Mädchenstimme Texte auf Englisch mit etwas Französisch und Spanisch, ohne dass man jemals einen Sinn darin entdecken könnte.

Neun der Tracks sind Eigenkompositionen, lediglich „Funky Stuff“ von Kool + The Gang wurde als Cover aufgegriffen und klingt so, als wäre es nur für dieses Album geschrieben worden. Der Spaß, den die Musiker im Studio gehabt haben müssen, wird eins zu eins auf den Hörer transferiert. Auch 40 Jahre nach dem Erscheinen macht diese Musik, die in keine und gleichzeitig ein wenig in so viele Schubladen passt, jede Menge gute Laune. Und Lizzy Mercier Descloux fand beim nächsten Album gleich zu „Zulu Rock“.

Ambrosia - s/t

  Ambrosia – s/t 20 th  Century Records 1975 Prog-Rock hatte 1975 für mich – mit 16 Jahren – einen schweren Stand. The Who zeichneten „By Nu...