Mittwoch, 14. Dezember 2022

Fu Manchu - Go for it ... live!

 

Fu Manchu – Go for it … Live!

Steamhammer 2002

Wenn es um das Wesen der Rockmusik geht, um die Frage, was sie von anderen Musikstilen unterscheidet, dann ist man schnell beim Sound der E-Gitarre. Natürlich soll der Bass wummern und das Schlagzeug den Rhythmus in die Eingeweide hämmern. Es dürfen sogar fallweise Keyboards oder ein Saxofon zu hören sein, aber das wirklich Wundervolle an Rockmusik ist der elektrisch verstärkte Klang der sechs Gitarrensaiten. Dieser Ton, mit dem die Riffs gespielt werden.

Gitarristen investieren oft einige Zeit, um den Klang ihres Instruments unverwechselbar zu machen, kombinieren dazu verschiedene Verstärker, Effektgeräte und Pedale. Aber den wirklich coolsten Sound, den ich je aus einer, respektive zwei Gitarren gehört habe, kommt von Fu Manchu. Nie klang eine Gitarre mehr nach purem Rock als von dieser Band. Pfeif auf Hendrix, Slayer oder Jimmy Page – Scott Hill und Bob Balch aus Südkalifornien machen sie alle in fünfzehn Sekunden platt.

Manchen Bands hilft dabei die Studiotechnik, um die Gitarrenparts zu doppeln und so weiter. Fu Manchu brauchen all das nicht. Sie klingen großartig im Studio, aber live sind sie noch druckvoller, brachialer, krachen diese Gitarren noch brutaler.

Stoner Rock nennt man diese Spielform. Erfunden wohl von Kyuss und irgendwo zwischen Hard und Heavy Rock anzusiedeln. Manchmal, daher der Name, mit psychedelischen Elementen angereichert. Aber bei Fu Manchu ist kaum etwas psychedelisch in ihrer Musik. Der einzige spürbare Drogeneinfluss sind die Glückshormone, die einen durchfluten, wenn diese Gitarrenriffs auf einen losdreschen. Der einzige Trip ist, wenn ihr aufgemotzter Ford Mustang losprescht und Spuren auf den Asphalt zeichnet. So geht in den Texten auch oft um Autos. „Road burnin‘ all across the land, Hell On Wheels is no big deal“. Ansonsten sind die Lyrics ähnlich sinnbefreit und man hört etwas über fliegende Mungos, verrückte Bärte und UFOs.

Aber wer achtet auch auf Texte, wenn es solche Gitarren zu hören gibt? Der Bass röhrt meist irgendwo an der Grenze des menschlichen Hörvermögens herum und der neu engagierte Schlagzeuger weiß instinktiv, was man von ihm erwartet: Mit voller Kraft den Takt durchdreschen. Nur der Gesang ist etwas zurückgenommen und fast relaxed. Das Motto lautet: Lasst die Gitarren für uns sprechen.

Fu Manchu sind wie die Fahrt in einem alten Ford Mustang. V8-Motor, 7 Liter Hubraum und 375 PS. Shelby GT! Das ist nicht das nervöse Jaulen einer Metal-Band, das ist das tiefe Brummen roher Kraft. Riecht an meinem Auspuff, ihr japanischen Reisschüsseln! „King of the road says you move too slow.” Dieser Refrain wird 13-mal hintereinander gesungen. Klingt dämlich. Ist es auch. Aber die Musik geht dabei ab wie die Hölle.

1994 nahmen sie ihr erstes Album auf, 2002 folgte dann diese Live-Doppel-CD. Im Kofferraum hatten sie das eben erschienene „California Crossing“, eines ihrer besten Studio-Alben. In den ersten Sekunden ist die Bühne noch leer. Das Publikum fordert die Band, skandiert „Fu Manchu, Fu Manchu“. Und dann fährt dieses Gitarrenriff hinein, brettert mit 120 Meilen los und die Rhythmus-Sektion sorgt dafür, dass sich niemand in die Nähe wagt. „Hell on Wheels“ heißt das Ganze sinnvollerweise und man ist sicher, an diesem Abend werden keine Gefangenen gemacht. Nur die Harten kommen durch.

Sie wagen sich sogar an „Godzilla“, den Monster-Song von Blue Öyster Cult. Und sie versetzen der alten Echse einen Kick in den Allerwertesten. „Laserblast!“ bauen sie am Anfang nur auf zwei Akkorden der Rhythmusgitarre auf, aber das ist Rock. Keep it simple, Baby. Sie setzen die Schöpfungsgeschichte eindrucksvoll um: Am Anfang war das Riff und das Riff war bei Fu Manchu.

„King of the road“ – einer ihrer Signature-Songs – folgt etwas später. Wenn man hört, wie sie das Riff herunterprügeln, wird sofort klar: Mehr muss Rock´n´Roll nicht können. Mehr kann Rock´n´Roll nicht können. Das ist die Essenz des Rocks. Eingedampft in der südkalifornischen Sonne, unter der sie groß geworden sind, bis nur mehr Sehnen und Knochen übrig sind. „You can´t beat two guitars, bass and drums“, hat Lou Reed einmal gesagt. Der alte Lou hatte oft recht, aber kaum einmal hatte er so recht. Q.E.D.

Freitag, 9. Dezember 2022

Godley + Creme - L

 

Godley+ Creme – L

Mercury Records 1978

Sie waren so etwas wie moderne Universal-Künstler. Kevin Godley spielte Drums, Bass und Keyboards, Lol Creme Gitarre, Bass, Keyboards und was sonst noch so anfiel. Sie machten Videos unter anderem für The Police, Duran Duran oder Peter Gabriel. In „Cry“, ihrem eigenen Hit aus 1985, setzten sie zum ersten Mal die neue Morphing-Technologie in einem Musikvideo ein. Sie erfanden den Gizmo, eine Art Gitarren-Synthesizer, der einen geigenartigen Ton auf der Gitarre erzeugte. Und sie waren bis zum vierten Album „How dare you!“ die eine Hälfte von 10cc.

Dann wagten sie es. Sie verließen die Band, deren Werke fast automatisch in die Top 10 der Hitparade marschierten, und machten als Duo weiter. Aber nicht als 5cc: „Everything we did post 10cc was the off-kilter, unpredictable side of the group. It was no longer softened by the other side,” sagte Kevin Godley später. Als Debut veröffentlichten sie 1977 “Consequences”, eine Art Hörspiel auf drei LP mit ein paar Songs drauf. Just in jenem Jahr, in dem Punk in die Musikszene einschlug. Außer mir hat es praktisch niemand gekauft. Und ganz durchgehört habe ich es auch nur zwei- oder dreimal.

„Consequences freed us in a way. Because we were discouraged from that point, we could go away with our tail between our legs and do what we wanted, which is exactly what we did”, kommentierte Kevin Godley die Vorgeschichte zu ihrem zweiten Album “L”. Er hatte zweifellos recht – die Plattenfirma hatte deutlich hörbar keinen Einfluss auf die Musik.

Kurz zusammenfasst könnte man über „L“ sagen: 10cc meets Frank Zappa und doch greift man damit viel zu kurz. Queen´s „Bohemian Rhapsody“ ist ein langer, ruhiger Fluss dagegen. Es ist Art-Pop oder Prog Rock, aber von hartem Rock zu Free Jazz, vom Latino-Orchester zum Klang-Experiment, von Lounge-Musik  bis zur übersteuerten Gitarre, und dazwischen liegen oft nur 20 Sekunden. Musikalisch also hochkomplex, stellenweise dissonant und doch eingängig, wenn auch nicht beim ersten Mal Hören. Discogs, das Gebrauchtalben-Portal, führt es unter den Genres Art Rock, Soul, Avantgarde und Jazz. Ein paar andere hätten ebenso gut gepasst. Dabei ist es eigentlich Pop. Auf eine etwas komplexe Art. Das melodische Material dieser 34 Minuten würde bei anderen für fünf Alben reichen. Mindestens.

Bis auf das Saxofon spielen die beiden alle Instrumente selbst, vom Gizmo bis zum Xylophon. Textlich ist vieles von englischem Humor durchtränkt. „Does getting into Zappa mean getting out of Zen?“, erinnern sie sich in „Art School Canteen“ an ihre Studententage.  Auf „Business is Business“ in der Erinnerung an die Tage mit 10cc wird es schon sarkastischer: „M.O.R. is good, M.O.R. is safe. M.O.R. is here. Just give it to them, never think about it. Only the numb survive. Business is business.” Andy Mackay von Roxy Music spielt das passende Saxofon.

Auf “Punchbag” werden sie allerdings drastisch, wenn sie sich an ihre Schulzeit erinnern. Da mildert keine Ironie die Härte ihres Rückblicks: “I´ve never been a natural at physical things. Since the first football hit me in the ear like a frozen cannonball, and the knees buckled and stayed bent. And the laughs came and the nerve went. And “Dirty Jew” was written on the blackboard. Fourth form atrocities. Punchbag. Get down on your knees. Ready for the polythene bag treatment. To Jesus I play for strength to survive. Your Christian soldiers smell blood. I torture myself in private to prepare me for the pain. Fourth form punchbag.”

Das Album verkaufte sich kaum besser als „Consequences“. Für mich ist es das Meisterwerk zweier musikalischer Genies. Besser wurden sie nicht mehr, aber zumindest wieder erfolgreicher.

Donnerstag, 1. Dezember 2022

Haircut One Hundred - Pelican West

 

Haircut One Hundred – Pelican West

Arista Records 1982

Wir schreiben das Jahr 1982. Margaret Thatcher regiert weiterhin Großbritannien und wird es bald in einen kleinen Krieg um ein paar unbedeutende Inseln vor der argentinischen Küste führen. Die im Punk zerrissenen Jeans sind bereits wieder im Müll gelandet. „No Future“ war gestern. Die eine Hälfte der Musiker ist auf der Suche nach neuen Sounds in Richtung Post-Punk abgebogen, die Rest ist unterwegs zurück zur Hauptstraße der Pop-Musik. Man trägt wieder schmale Krawatte, Cashmere-Pullover oder Glitzer-Anzug.

Duran Duran und Spandau Ballet haben bereits ihre erste LP draußen und ein paar weitere englische Jungspunde um die 20 wollen schon mit dem Debutalbum den perfekten, den ewigen Popsong aufnehmen. ABC bringen im Mai ihr „Lexicon of Love“ heraus; Haircut One Hundred sind drei Monate früher dran. Beide Bands kommen ihrem unmäßigen, unverschämten Ziel verdammt nahe, ABC schaffen mit zwei Titeln sogar Volltreffer.

ABC bieten Pathos, Dramatik und Produzentengenie Trevor Horn; Haircut One Hundred schreiben einige ebenso gute Songs, aber sie setzen auf Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Beide Bands liebäugeln mit dem Funk, schon die ersten Sekunden von „Pelican West“ machen klar, dass man Nile Rodgers und sein Gitarrenspiel mehr als einmal aufmerksam gehört hat. Orange Juice hat man im Fall von Haircut One Hundred auch nicht nur als Getränk genossen. Beide Bands integrieren scharfe Bläsersätze in ihre Musik, beide führen einen eigenen Saxofonisten als Bandmitglied. Ein Instrument, das im Punk (mit einer kleinen Ausnahme namens X-Ray-Spex) völlig abgesagt war.

Im Gegensatz zum Breitwandkino von ABC bieten Haircut One Hundred Musik wie ein Frühsommertag. Der Himmel ist klar, die leichte Brise trägt den Duft blühender Sträucher heran. Man schaukelt auf der Terrasse, die Frisur sitzt und der Chardonnay ist bereits eingekühlt. Es muss nicht alles bedeutend bis revolutionär sein. „Pelican West“ ist Musik, die es blendend versteht, gute Laune zu vermitteln. Vier der zwölf Titel rangieren in der Kategorie große Popsongs, der Rest ist noch immer sehr gutes 80er-Material.

Wie bei so vielen Bands blieb das Debutalbum das beste der gesamten Karriere. Haircut One Hundred brachten Ende 1983 einen Nachfolger heraus. Dann verabschiedete sich Songwriter und Sänger Nick Heyward in Richtung einer weitgehend erfolglosen Solo-Karriere, in der er noch immer gute Musik machte, aber nie mehr die Unbekümmertheit und den jugendlichen Charme von „Pelican West“ erreichte.

Freitag, 25. November 2022

HeeBeeGeeBees - 439 Golden Greats

 

HeeBeeGeeBees – 439 Golden Greats

HeeBeeGeeBees Records 1981

Und heute ein besonderes Schmankerl oder, wie unsere Nachbarn sagen, ein Leckerbissen. „439 Golden Greats – Never mind the Originals, here´s the HeeBeeGeeBees“ ist nicht weniger als das lustigste Album der Rockgeschichte.

Die Musikparodie ist ein beliebtes Genre von Weird Al Yankowic bis zu Otto Waalkes. Normalerweise nimmt man eine beliebte Melodie eines bekannten Künstlers und macht einen neuen, hoffentlich lustigeren Text. „Like a surgeon, cuttin´for the very first time“, hieß es bei Weird Al, als er Madonnas “Like a Virgin” unter dem Messer hatte.

Die HeeBeeGeeBees (auf Deutsch etwas, das einen schaudern lässt) gingen weiter. Sie weiteten die Parodie auf die Melodie und die Instrumentierung aus. Auf „439 Golden Greats“ werden zwölf Interpreten so persifliert, dass man meint, man höre einen neuen Song von ihnen. Nur mit einem Text zum Niederbrechen und manchmal auch musikalischen Ideen, die das gewohnte Konzept ironisieren. Man höre sich nur das Ende von „Boring Song“ an, dem Beitrag von Status Quo – pardon Status Quid.

Dazu kommt, dass auch der Gesang gut parodiert wird. Paradebeispiel sind die namensgebenden Bee Gees, die das Album mit „Meaningless songs in very high voices“ beginnen. Alles davon ist durchaus wörtlich zu nehmen. Die zweite Seite der LP eröffnen sie ebenfalls – diesmal mit der existentialistischen Erkenntnis: „Ah-ah-ah, Ah-ah-ah, Ah-ah ah-ah-ah, We are here. You are there. Isn’t life weird?“

Dazwischen hört man David Bowwow, der behauptet, er sei „Quite ahead of my time“ und die PeeCees (Police), die „Too depressed to commit suicide“ sind. Was sie nicht davon abhält, Stewart Copelands typisches Drum-Spiel ad absurdum zu führen.

Am Ende kommen zum großen Finale Bob Vylan und Neil Dung live auf die Bühne, um dem „Bird of Peace“ zu huldigen: „ I saw the Bird of Peace the other day, flying through the sky, pursued by people who hate him. They took their guns and shot him down. I found the Bird of Peace on the ground, and ate him. Oh Bird of Peace, you tasted real good, I had you with mint sauce. All my friends ask me how I feel? Well, I feel Peace-full of course.” Dean Martian sollte auch noch auf die Bühne kommen, schafft es aber nicht, man hört nur das Whiskyglas scheppern. Und ganz am Ende kommt noch die unerwartete Fortsetzung eines früheren Brüllers.

Hinter den HeeBeeGeeBees stehen drei britische Komiker aus der Serie „Radio Active“. Angus Deayton schaffte im Anschluss eine veritable Radio- und TV-Karriere; Michael Fenton Stevens erreichte später einen UK-Nummer-Eins-Hit mit „The Chicken Song“ aus „Spitting Image“ und Philip Pope, der musikalische Kopf, war später erfolgreich mit Film- und Fernseh-Musik – etwa für „Dirk Gently´s Holistic Agency“ – ein Werk des großen Humoristen Douglas Adams. Die drei bildeten das Ensemble Garry, Norris und Dobbie Cripp. Für die perfekte musikalische Umsetzung sorgten Studiomusiker aus dem Umfeld von 10cc und Sad Café.

Das Album war erfolgreich in Australien, der Heimat der Brothers Gibb, und blieb im Rest der Welt schmählich unbeachtet. Ein CD-Re-Issue aus 2011 kombinierte es mit dem etwas schwächeren zweiten Album, das damit noch immer lustiger als alles andere ist, was sonst als Musikparodie firmiert. Doch die Vinylfassung von „439 Golden Greats“ enthält die Lyrics und die sind seit 40 Jahren eine beständige Quelle der Erheiterung für unsere gesamte Familie, denn dieser brillante Humor funktioniert generationenübergreifend. „Another end…“

Samstag, 19. November 2022

Hindu Love Gods - s/t

 

Hindu Love Gods – s/t

Giant Records 1990

Es sollte dieses Album eigentlich nicht geben – von dieser Band, die es eigentlich nicht gab. Die Erklärung für diesen seltsamen Satz liegt in der Besetzung. Hin und wieder treten bekannte Künstler unter einem Pseudonym auf, um wieder einmal in einem kleinen Klub spielen zu können, direkten Kontakt mit ihrem Publikum haben zu können. Für die Hindu Love Gods waren es insgesamt drei Konzerte in sechs Jahren, alle in Athens, Georgia.

Es spielten in ihrer Heimatstadt Peter Buck an der Gitarre, Mike Mills am Bass und Bill Berry am Schlagzeug – besser bekannt als drei Viertel von R.E.M. Statt Michael Stipe übernahm ein Freund namens Warren Zevon, einer der begnadetsten Westcoast-Musiker der Rock-Geschichte, die Vocals und die zweite Gitarre. Jene Unglücklichen, die ihn nicht kennen, erinnern sich vielleicht an seinen kleinen Hit „Werewolves of London“, von dem sich Kid Rock das Klaviermotiv entlehnte und daraus den Monster-Hit „All Summer Long“ machte.

Buck, Mills und Berry fungierten 1987, also zu einer Zeit als sie Alternative-Stars, aber noch keine Superstars waren, als Back-up-Band für Zevons Album „Sentimental Hygiene“. In einer betrunkenen Nacht jammten sie im Studio aus Spaß weiter und irgendjemand ließ offensichtlich das Band laufen. Sie spielten zehn Cover-Songs, fast alle davon alte Blues-Klassiker. Robert Johnsons „Walkin´ Blues“ eröffnet das Album, Willie Dixons „Wang Dang Doodle“ kommt später ebenso wie Muddy Waters´ “Mannish Boy“. Aus der eigenen Zeit klopften sie Prince´s „Raspberry Beret“ als Rock-Nummer herunter – so inspiriert, dass sie es später damit auf Platz 23 der US-Modern-Rock-Charts brachten.

Vier Vollblut-Musiker spielen nicht mehr ganz nüchtern Blues-Rock, nur aus Freude an der Musik und ohne jede Absicht, jemals etwas davon zu veröffentlichen. „It took us about as long to do as it takes to listen to,” sagte Bill Berry später. Es dauerte drei Jahre lang, bevor sie es sich anders überlegten und die Aufnahmen für das kleine Label Giant Records freigaben. Was für ein Glück für die Wenigen, die Notiz von diesem obskuren Album nahmen.

R.I.P. Warren, I still miss you.

Donnerstag, 17. November 2022

Rupert Hine - Waving not drowning

 

Rupert Hine – Waving not drowning

A&M Records 1982

Rupert Hine verdiente sein Geld eigentlich als Produzent. 117 Alben, bei denen er am Mischpult saß, sind auf Wikipedia gelistet. Darunter finden sich kommerziell erfolgreiche Werke von Rush, Chris de Burgh, Suzanne Vega oder „Private Dancer“ von Tina Turner.

Daneben gönnte sich der 2020 verstorbene Engländer eine kleine, feine Solo-Karriere, aus der zwei Alben herausragen: „Immunity“ aus 1981 mit seinem wunderbaren Titeltrack und ein Jahr später eben „Waving not drowning“ – benannt nach einem Gedicht von Stevie Smith. Das Produzenten-Ass spielt dabei fast alle Instrumente selbst. Phil Palmer liefert ein paar Gitarren-Parts ab, Ollie Tayler spielt zweimal das Sax und ein gewisser Phil Collins steuert ein wenig Percussions bei.

Die tragenden Instrumente sind Synthesizer und Klavier, um die herum Hine einen dichten atmosphärischen Sound-Teppich webt. Er spielt mit den Stimmungen, experimentiert ein wenig und spielt doch sein ganzes Können als Bestseller-Produzent aus. Geräusche wie Donner, Regen oder eine tickende Uhr werden eingearbeitet, „Dark Windows“ wurde laut Cover sogar während eines Gewitters eingespielt.

Bei aller Abwechslung, bei allem Einfallsreichtum im Sound liefert er doch eingängige, gehaltvolle Songs ab, die auch nach 40 Jahren frisch und spannend aus dem Lautsprecher kommen. Natürlich klingt die Musik ein wenig nach den 80ern und sie ist dennoch zeitlos. Das Album ist experimentell und dennoch in keiner Sekunde langweilig. Als Referenz eignen sich am ehesten Peter Gabriel, Peter Hammill oder Godley + Creme.

„Each hidden trap-door there we´ll find, we always were the curious kind”, singt er auf “The Curious Kind”, einem der besten Songs auf diesem Album. Und danach klingt auch das gesamte Werk – Neugierde, mit brillantem Handwerk umgesetzt.

Freitag, 4. November 2022

Michael Hurley, Unholy Modal Rounders, Jeffrey Frederick & The Clamtones - "Have Moicy!"

 

Michael Hurley, Unholy Modal Rounders, Jeffrey Frederick & The Clamtones – „Have Moicy!“

Rounder Records 1976

Wenn sich neun Querköpfe aus der US-Folk-Szene zum ersten Mal treffen, um innerhalb von drei Tagen ein Album aufzunehmen und dafür ein Budget von 1500 US-Dollar zur Verfügung haben, wird man das Ergebnis im Normalfall als „Ja danke, klingt eh interessant“ ablegen und kein zweites Mal hören.

Im Fall von „Have Moicy!“ entstand ein unerwartetes Meisterwerk. Robert Christgau, Plattenkritiker der New Yorker „Village Voice“ bezeichnete es als „Greatest Folk Album of the Rock Era“ und reihte es später unter seine besten Platten der 70er Jahre. Gleich nach Eric Claptons „Layla“ und noch vor „Exile on Main Street“ der Stones, damit wir wissen, von welcher Kategorie wir hier reden. Es kaufte dennoch niemand. Kein Wunder bei diesem Bandnamen.

Es trafen sich also 1975 Michael Hurley, bekannt von … ja, ziemlich nichts, mit dem ebenso außerhalb von New York unbekannten Folk-Psychedelia-Trio Holy Modal Rounders sowie Jeffrey Fredericks mit seinen Clamtones, die etwas rocklastigeren Folk als die anderen, aber ebenso erfolglos produzierten. Die Rounders benannten sich für diese kurze Zusammenarbeit gleich in Unholy Modal Rounders um.

Jeder hatte einige Songs und seine Instrumente mit. Es dominierte das traditionelle Folk-Instrumentarium: Akustische Gitarre, Fiddle, Waschbrett, Mandoline mit ein wenig Bass und Händeklatschen zu den dezenten Drums. Unter den Songs befanden sich allerdings etliche ungewaschene und unpolierte Juwelen, die man in den knapp drei Tagen mit jeder Menge Spielfreude in ihre Fassungen einfügte. „Sweet Lucy“ von Michael Hurley würde bereits allein den Kauf des Albums mehr als rechtfertigen.

Die skurrilen Texte springen von Bankraub über verschwundene Hamburger bis zu eifersüchtigen Vätern und die Mitternachtsstimmung in Paris, sie sind jedoch sekundär. Die Melodien sind so exzellent, die Einspielung so charmant und ausgelassen, dass sich der Spaß, den die neun für drei Tage hatten, auf die Hörer auch noch fast 50 Jahre später mühelos überträgt. Sollte man jemals das Bedürfnis nach seelischer Aufmunterung in 40 Minuten verspüren, dieses Album ist eine Bank dafür. Die Wirkung setzt sogar noch früher ein.

Ein Rezensent bezeichnete es auf „Allmusic“ als „The greatest front porch sittin‘, dog barkin‘, screen door squeakin‘, hammock swingin‘, mason jar swiggin‘, skillet lickin‘ album of all time.” Das trifft es ebenso.

Ambrosia - s/t

  Ambrosia – s/t 20 th  Century Records 1975 Prog-Rock hatte 1975 für mich – mit 16 Jahren – einen schweren Stand. The Who zeichneten „By Nu...